Wenn sich Pflanzen unterhalten

- geht es nicht um Small-Talk

Menschen sind die klügsten, am weitesten entwickelten Lebewesen der Erde. Danach kommt lange, lange nichts, aber wir gestehen Tieren immerhin ein paar einfache, rudimentäre Fähigkeiten zu. Weit abgeschlagen rangieren Pflanzen in unserem Wertesystem. Sie sind stumm, bewegen sich in der Regel nicht von ihrem Standort weg und sind auf die in ihrer unmittelbaren Umgebung vorkommenden Nährstoffe angewiesen.

Gut, es gibt natürlich Ausnahmen, wie den Halimasch. Dieser Pilz verbreitet sich unter der Erde und erreicht eine Größe von mehreren Quadratkilometern, so dass man ihn kaum noch als Standort-gebunden bezeichnen kann. Und ähnlich wie der ein oder andere faule Stadtmensch, lassen sich auch fleischfressende Pflanzen ihr Steak frei Haus liefern. Dass so eine leckere Schnake nur selten durch Zufall vorbeikommt, mussten auch Pflanzen lernen. Statt wie wir Schall in elektrische Signale umzuwandeln - denn sich vor die Tür zu stellen und "Hunger!" zu rufen hat selten die gewünschte Wirkung - schicken fleischfressende Pflanzen chemische Signale aus, um ihr Opfer anzulocken.

Indes, die meisten der rund 500.000 uns bekannten Pflanzenarten sind nicht Jäger, sondern Opfer von Insekten. Pflanzenfressende Insekten und ihre Raupen treten oft in großer Zahl auf und können eine Pflanze in wenigen Stunden völlig vernichten. Zumindest theoretisch. Denn die Evolution überlebt haben nur diejenigen Pflanzen, die sich zu schützen verstanden. Viele Pflanzen enthalten giftige Substanzen, die Insekten abschrecken oder töten. Doch die Evolution begünstigt keine Art und so haben sich auch Insekten entwickelt, die gegen die Pflanzengifte immun sind.

Die Raupe des Tabakschwärmers beispielsweise ist unempfindlich gegenüber dem Nikotin, das Tabakpflanzen vor Schädlingen schützen soll. Aber wie wir heute, dank Pflanzenforschern wie Ian Baldwin, Direktor des Jenaer Max-Planck-Instituts für Chemische Ökologie, wissen, haben Pflanzen ein ausgeklügeltes und effektives Kommunikationssystem entwickelt. Beißt eine Tabakschwärmerraupe genüsslich in ein Tabakblatt, löst ihr Speichel innerhalb von wenigen Minuten eine Kettenreaktion zum Schutz der Pflanze aus.

Aus der Bisswunde strömen Duftstoffe, die vom Wind über mehrere Kilometer verteilt werden und andere Pflanzen warnen, die für diese Duftstoffe (Moleküle) die passenden Rezeptoren haben. So können sie, noch bevor sie selbst angegriffen werden, damit beginnen Stoffe zu produzieren, die den erwarteten Raupen schaden. Das Immunsystem der Pflanzen kann aufgrund des eindringenden Insektenspeichels sehr genau unterscheiden, welche Abwehrstoffe für den jeweiligen Schädling produziert werden müssen und kann diese Information auch durch die chemischen Signale an andere gefährdete Pflanzen weiter geben.

Überschreitet der Angriff der Pflanzenfresser eine bestimmte Dauer, bei Versuchen mit Tabakpflanzen war die Grenze bei zehn Stunden erreicht, senden die Pflanzen Duftstoffe aus, die andere Insekten anlocken. Einige Pflanzenarten sondern einen süßen Saft ab, dessen Geruch Ameisen anlockt, die auch Raupen angreifen. Andere, wie Wespen der Gattung "Cotesia", haben sich auf die Eiablage in den Raupen von Tabakschwärmern spezialisiert. Ian Baldwin: "Wie diese passende Wirtspflanze ‚klingt‘, lernen junge Wespenweibchen schnell. Es genügt, dass sie einmal auf die Raupe stoßen und dabei zufällig die SOS-Duftstoffe der Wirtspflanze wahrnehmen – schon merken sie sich den Zusammenhang." Dafür haben Insekten am ganzen Körper Sinneszellen und deren Rezeptoren. Damit können sie schon einzelne Moleküle bewusst wahrnehmen.

Ian Baldwin und seine Kollegen haben in einem Feldversuch getestet, wie wichtig die Kommunikation der Pflanzen für ihr Überleben ist. Dafür züchteten sie Tabakpflanzen, denen die Gene zum entschlüsseln der chemischen Signale fehlten. Sie pflanzten diese zwischen wild wachsende Tabakpflanzen. Innerhalb weniger Tage wurden die Züchtungen förmlich von Schädlingen erdrückt. Dafür ist nicht einmal eine gezielte genetische Manipulierung notwendig.

Den meisten Menschen ist schon einmal aufgefallen, dass Obst und Gemüse irgendwie nicht mehr so stark duften, wie es einem die Erinnerung an Früher vorgaukelt. Einbildung? Vergleiche haben gezeigt, dass Wildpflanzen, im Vergleich mit unseren Kulturpflanzen, ein Vielfaches an Duftstoffen produzieren. Unsere heutigen Nutzpflanzen wurden über Jahrtausende hinweg dahingehend gezüchtet, mehr Ertrag auf kleineren Flächen zu erbringen. In den letzten Jahrzehnten kam noch die Züchtung auf leichtere Verarbeitung für die Lebensmittelindustrie hinzu.

Diese menschliche Selektion unterscheidet nicht, ob und wie viele Duftstoffe das ertragreichere Modell noch produzieren kann. Um den von uns als Katastrophe eingestuften, immer wieder auftretenden Schädlingsbefall zu bekämpfen, beschützen wir unsere Nutzpflanzen durch das Besprühen mit Pestiziden. Damit deren giftige Wirkstoffe möglichst wenig von den Pflanzen aufgenommen werden und so über die Nahrung auch uns schaden können, müssen wir Pflanzen züchten, die gegen Pestizide immun sind. Die dadurch entstehenden neuen Anfälligkeiten dieser Kreationen, werden durch weitere Zusätze im Dünger, Unkrautvernichter oder den Pestiziden ausgeglichen. Dadurch wiederum ... Menschen sind eben die klügsten, am weitesten entwickelten Lebewesen der Erde.
Quelle: The Intelligence

Ich empfehle Ihnen einen sehr lesenswerten Bericht von Herrn Peter H. Arras. [195 KB] Lesen Sie seinen Blickwinkel über Pflanzen. Sein Plädoyer für Pflanzen ist großartig und erweitert die Sichtweise über Pflanzen allgemein.

Hier ein kleiner Auszug:

Plädoyer für die Anerkennung der Individualrechte der Pflanzen

Nicht erst seit den Backster- Versuchen der 60er Jahre in den USA, die nachgewiesen haben, dass Pflanzen empfinden, gibt es sensible Menschen unter uns, denen schon von jeher das Gefühl sagte, dass Pflanzen empfindungsfähige Wesen sind. Es wurden weltweit durchaus ernstzunehmende Untersuchungen angestellt, um dieses Gefühl wissenschaftlich zu beweisen, durchaus erfolgreich, wie aus dünn gesäten und wenig bekannt gewordenen Publikationen hervorgeht.

Doch noch niemals, jedenfalls nicht meines Wissens, wurde hieraus resultierend die Forderung nach Konsequenzen formuliert, nämlich, dem pflanzlichen Leben als solchem zumindest prinzipiell den Schutz vor Willkür, Unrecht und Leid angedeihen zu lassen. Ich meine den Versuch, dem Leben Pflanze als Individuum Rechte zuzugestehen und diese Rechte in mitweltethische Konzepte zu integrieren.

Die Ergebnisse dieser Studien werden lediglich interessant empfunden, man denkt darüber nach, wie man die gewonnenen Erkenntnisse wirtschaftlich verwerten könnte, um Erträge in der Landwirtschaft zu steigern, doch keiner dieser Wissenschaftler, die übrigens meist Physiker sind, hat es je gewagt oder vielleicht gar nicht erst daran gedacht, welche ethischen Folgen ihre Erkenntnisse haben. Es scheint auch auf den ersten Blick absurd, Pflanzen vor Schaden und Leid zu bewahren, schließlich gehören Pflanzen so selbstverständlich zu unserer Welt, wie die Erde, aus der sie wachsen, die Steine, die Luft, das Wasser.

Es sind die Pflanzen, denen wir den Sauerstoff zu verdanken haben, den wir atmen; es sind die Pflanzen, die wir essen, aus denen wir Häuser bauen, Werkzeuge herstellen usw. Pflanzen sind die Produzenten unserer Erde, sie sind das bedeutendste Glied innerhalb unseres irdischen Stoffwechsels, ohne sie ist das Leben in der Form, wie wir es kennen, nicht möglich! Ihr Dasein und ihre Nutzung ist für Menschen und Tiere eine Selbstverständlichkeit, wie sollte man sich angesichts dessen dazu veranlasst fühlen, über ihre Empfindungen und ihre Leidensfähigkeit nachzudenken, denn so oder so, wir könnten darauf ohnehin keine Rücksicht nehmen - glauben wir jedenfalls.

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