Tierbabys artgerecht aufpäppeln

Wer ein Wildtier vorrübergehend zum Haustier macht

Die Handaufzucht eines Jungvogels ist zeitintensiv
Die Handaufzucht eines Jungvogels ist zeitintensiv Der Winzling braucht alle zwei Stunden Nahrung. Quelle: Kurier

muss wissen, was Findlinge wirklich brauchen: Wärme, Futter und Freiheit.

Eine Handvoll nacktes Leben, bestenfalls ein piepsendes Federbällchen - der Flügel des Findlings ist vielleicht gebrochen, das Herz des Finders sowieso: Es sind hauptsächlich Jungvögel, die vorübergehend zum Haustier werden.

"Der überwiegende Teil der Jungtiere wäre draußen besser aufgehoben. Das Versorgen von Findlingen wird oft aus falsch verstandener Tierliebe gemacht", sagt KURIER-Tiercoach Dagmar Schratter. Die Direktorin des Tiergarten Schönbrunn erklärt, wie die Tierliebe zu Waisenkindern richtig eingesetzt werden kann.

Hände weg von Ästlingen: Nesthocker, die bereits befiedert sind, verlassen ihr Zuhause kurz bevor sie flügge sind. Dann suchen sie Schutz unter Büschen und piepsen dort lauthals nach Futter. Die Eltern liefern. Schnabelzustellung bis mindestens eine Woche nach Auszug. Beobachtung aus der Ferne bringt Sicherheit: Tauchen die Vogeleltern in zwei Stunden nicht ein einzige Mal auf, ist der Rettungseinsatz gerechtfertigt.

Rettung

"Einen Nesthocker, der noch nicht so weit ist, kann man zurück ins Nest setzen. Vögel reagieren nicht abweisend auf menschlichen Geruch", erklärt Schratter. Junge Mauersegler am Boden sind auf jeden Fall auf Hilfe angewiesen. Eine Ausnahme.

Nackt, verwaist, unter Umständen verletzt, das Nest zerstört oder nicht zu sehen - diese Vogelbabys sind ein Fall für den Tierschützer mit Herz. Ein Nestling, der sich kaum noch bewegt, keinen Ton mehr von sich gibt und sich kalt anfühlt, muss rasch gewärmt werden. "Zuerst kann er in der hohlen Hand hocken, man kann ihn auch an die Brust nehmen oder vorsichtig an den Körper drücken", sagt der KURIER-Tiercoach. Daheim setzt man den Piepmatz auf eine Wärmeflasche und deckt ihn mit einem Tuch zu. Vögel haben eine höhere Körpertemperatur als Menschen, sie dürfen freilich nicht überhitzen. "Das Tier muss sich die Wärme selbst aussuchen können", sagt die Expertin.

Ernährung

Ist der Schützling wieder auf Betriebstemperatur und im Ersatznest daheim untergebracht, wird es für den frischgebackenen Haustierbesitzer erst richtig schwierig. Handaufzucht ist zeitintensiv. "Zu Beginn halten Jungvögel längstens zwei Stunden ohne Futter durch", erklärt Schratter. Die Tiere sperren zwischen sechs und 22 Uhr regelmäßig den Schnabel auf. Tun sie das nicht automatisch, streicht man mit der Hand über die Futterluke, auch die Mutter kommt von oben. "Dann kann man mit der Pinzette kleine Futtermengen geben", sagt der KURIER-Tiercoach.

Artgerechte Ernährung ist überlebenswichtig. Insektenfressende Singvögelchen sind besonders wählerisch: Sie vertragen weder Mehlwürmer, noch Hunde- oder Katzenfutter. Sie mögen viel mehr kleine Grillen und Heimchen aus der Tierhandlung. Gut geeignet ist auch Rinderherz, dazu Vitamine und Kalk. Fleisch allein genügt nicht. "Man kann Insekten auch selber fangen - mit einem Netz oder indem man auf einen Busch klopft und einsammelt, was herunter fällt", sagt die Expertin.

Sobald die Jungvögel das Futter selber aufpicken, werden sie samt Käfig ins Freie ausquartiert. Auf ein geschütztes Plätzchen, sicher vor Katzen und anderen Räubern. Ein paar Tage später kann die Käfigtüre offen bleiben. Futter muss noch angeboten werden. Nach weiteren drei Tagen haben die Findlinge ihre Flugmuskulatur ausreichend trainiert, das Kurzzeit-Haustier kann wieder Wildtier sein.

"Wenn Sie unsicher sind, bringen Sie den Jungvogel zum nächsten Tierarzt, in ein Tierschutzhaus oder zu uns in den Zoo", sagt Schratter: "Greifvögel gehören von Anfang an in die Obhut von Fachleuten."

Quelle: Kurier vom 08.05.2010

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