Essthektik und Fleischeslust


"Prägnante Sätze sind wie scharfe Nägel, welche die Wahrheit in unser Gedächtnis hineinzwingen“, erklärte einst der französische Schriftsteller Denis Diderot. Doch wie tief soll ein Autor in ein Thema eindringen, das über Jahrtausende hinweg so komplex geworden ist, dass es fast von keinem Standpunkt aus mehr nagelspitz durchbohrt wird? Vielmehr herrscht träge Stumpfsinnigkeit beim täglichen Gang zur Billigfleischtheke. Dabei leiden mittlerweile Milliarden Tiere täglich für uns, sie sterben und werden zum großen Teil achtlos entsorgt.

Alle tun so, als sei dies völlig normal. Statt eines Umdenkens erfolgt selbst in den Medien nur ein seltsam stagnatives, lasches Erörtern der Lage bei erhöhtem Mitteilungsdrang. Dass wir traurige Fische, hochintelligente Schweine und niedliche Kälber aus industrialisierter Massenzucht essen, scheint uns weder aus ethischen noch aus kulinarischen Gründen verabscheuungswürdig zu sein.

99 Prozent des Fleisches aus Massentierhaltung

Deutlich ist die Enge des Käfigs zu sehen
Deutlich ist die Enge des Käfigs zu sehen

Doch warum essen wir Tiere einfach auf? Und warum findet all das Leid kein Ende? Auf diese Fragen müssen neue Antworten gefunden werden, wenn man Jonathan Safran Foer glaubt, der in seinem Bestseller „Tiere essen“ unser Verhältnis zum Tier radikal in Frage stellt. Über drei Jahre hat sich Foer damit beschäftigt, Details über die Folgen des Systems Massentierhaltung zu sammeln – aus der 99 Prozent allen verfügbaren Fleisches stammt. Das Werk ist ein Bestseller. Am Fleischkonsum hat es aber nichts geändert. Ähnlich wie Foer argumentiert auch Iris Radisch, die es auf die Formel bringt: „Lasst das!“ Die Erklärung folgte im Untertitel ihres Essays: „Seine höhere Intelligenz gibt dem Menschen nicht das Recht zum Fleischverzehr.“

Doch es gibt kein Zurück: Die Entscheidung ist gefallen. „Der Mensch genießt das Recht auf leibliche Unversehrtheit. Das Recht des Tieres, das wir ihm einräumen, besteht demgegenüber darin, vor dem Zerstückelt- und Ausgenommenwerden durch einen Metallbolzen, der ihm den Schädel spaltet, es betäubt oder an einem Haken aufgehängt durch ein elektrisches Wasserbad gezogen zu werden.“ Ist es möglich, dass das, was seit Jahrtausenden als normal gelte, dennoch ein ungeheures Unrecht sei, will die Überzeugungstäterin Radisch schließlich wissen. Eine zu Recht gestellte Frage, die allerdings nicht richtig beantwortet wird.

Teil einer gigantischen Maschinerie

Denn selbst die lieben Vegetarier, zu denen sich Radisch so stolz zählt, bereiten mit ihrem Verzicht, die Tiere aufzuessen, dem Leiden noch längst kein Ende. Wann immer wir als Vegetarier Käse oder Eier essen oder auch Milch trinken, sind wir Teil einer gigantischen Maschinerie, die keine Rentnerweiden für ausgediente Milchkühe oder Legehennen besitzt. Indirekt trägt der Vegetarier genauso „Schuld“ wie derjenige, der nicht die tierischen Produkte, sondern die Tiere selber isst. Die Kette der Demütigung wird immer länger: Während der Fleischesser den Metzger zum Sündenbock macht, beschuldigt der Vegetarier den Fleischesser des Mordes, trägt weiterhin Lederschuhe und freut sich über seine Unschuld.

Quelle: Wiesbadener Kurier vom 21.02.2011

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