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ORCA WATCH:

Orcinus orca - Spitzenräuber der Meere

An die hundert Orcas haben sich im späten Herbst in den Küstengewässern Norwegens versammelt. Mehrere Familiengruppen treffen hier jedes Jahr aufeinander - und auf ihre Beute: Heringe. Die Tiere folgen den großen Schwärmen bis in die kalten Gewässer der Fjorde, um sich dort an ihnen satt zu fressen. Doch die Beute macht es den hungrigen Jägern nicht leicht: Heringe schwimmen meist dicht aneinander gedrängt im Schwarm und irritieren Angreifer gekonnt, indem sie schnell die Schwimmrichtung wechseln. Die Jäger können einzelne Tiere nicht ausmachen, nur eine ausgeklügelte Jagdtechnik führt zum Erfolg.

Koordination ist alles

Unter den Hunderten schwarzweißen Leibern ist Arbeitsteilung angesagt: Die einen halten den Schwarm fest zusammen, indem sie unterhalb und um ihn herum kreisen. Dabei ist neben gezieltem Ausstoßen von Luftblasen zu einem Blasenvorhang auch ihre spezielle Körperfärbung von Nutzen: Heringe, die sich vom Schwarm entfernen, werden offenbar durch Aufblitzen der weißen Bauchfläche, mit der die Jäger sich dem Schwarm immer wieder nähern, zurückgetrieben. Ist der Schwarm unter Kontrolle, beginnen andere Tiere, mit ihren Fluken (Schwanzflossen) auf den Schwarm einzuschlagen, um die Heringe zu betäuben. Bald darauf schwimmen oder treiben die Fische an der Oberfläche: Das große Fressen kann beginnen.

Klickgeräusche betäuben Lachse

Schauplatzwechsel: British Columbia, Kanada.
Seit 40 Jahren suchen Dr. Paul Spong und seine Frau Helena Symonds die Gewässer um Vancouver Island nach schwarzen Rückenfinnen ab – die beiden zählen zur wissenschaftlichen Elite in der Erforschung von Orcas.

„Ihre" Orcas ernähren sich hauptsächlich von Rotlachs. Der ist größer und einfacher zu erbeuten als Hering und man kann die Wale sehr gut bei der Jagd beobachten. Wenn die Lachse die Küstengewässer um Vancouver Island aufsuchen, tauchen auch viele Orca-Gruppen auf, die sich zu größeren Jagdverbänden zusammenschließen. Dicht an dicht drängen sich die schwarzweißen Leiber.

Ein ganzes Orchester scheint zu pfeifen und zu tschirpen. Hunderte Klicklaute knattern durch das Unterwassermikrofon. Mit ihrem natürlichen Echolot spüren die Orcas den Lachsschwarm auf und setzen zur Verfolgungsjagd an. Sind die Fische eingeholt, wird der Schwarm umkreist, um ihn zusammenzuhalten. Hochfrequente Klickgeräusche jagen durch die aufgewirbelten Fluten, woraufhin bald einige Lachse bewegungsunfähig umhertreiben. Man vermutet, dass Orcas mit Hilfe dieser Klicks die Fische lähmen und sogar töten können. Eine gefährliche Waffe. Mit weit aufgesperrtem Maul stoßen die Raubtiere abwechselnd in den Schwarm hinein und „fischen“ sich einzelne Tiere heraus.

Sag mir, was du frisst..

..und ich weiß, wer du bist: Genetische Studien aus aller Welt belegen, dass sich Schwertwale zunächst wegen ihrer unterschiedlichen Spezialisierung bei der Ernährung auseinander entwickelt haben. Orcas stehen am Ende der Nahrungskette und haben ein sehr breites Beutespektrum. Beispielsweise gibt es vor der Westküste der USA und Kanadas neben fischfressenden Orcas auch solche, die sich von Säugetieren ernähren.

Eigentlich müsste man diese beiden Populationen als zwei getrennte Arten betrachten. Die Haupttrennlinie verläuft allerdings zwischen den so genannten „Residents“ und „Transients“. Residents (=“Einheimische“, „Ortsfeste“) bilden sehr stabile Familiengruppen. Aus Untersuchungen, die sich mittlerweile über ein Vierteljahrhundert erstrecken, geht hervor, dass kein Tier die Population verlassen (außer durch Tod) und keines dazugestoßen ist (außer durch Geburt). Residents ernähren sich nur von Fisch und profitieren von der Kooperation in großen Gruppen bei der Jagd, da die Fischschwärme so effektiver gejagt und zusammengetrieben werden können.

Clubkultur schweißt zusammen

Forscher glauben mittlerweile, dass sich mehrere Familiengruppen , auch „Pods“ genannt, nicht nur aus Paarungsgründen oder zum Zweck der Jagd zusammenschließen. Solche großen Zusammenkünfte dienen auch als eine Art „Club“, in dem die Tiere ihre sozialen Bande aufrechterhalten und stärken können. Diese Bande sind sehr wichtig, denn Orcas sind langlebige Kreaturen mit einer niedrigen Geburtenrate. Mitglieder unterschiedlicher Familiengruppen wandern oft zusammen und gehen gemeinsam auf Futtersuche.

„Transient“ Orcas (=“Flüchtige“, „Wandernde“) unterscheiden sich von Residents deutlich durch ihre Lebensweise. Sie spezialisieren sich bei der Ernährung auf Meeressäuger. Ihre „Pods“ sind kleiner als die der „Einheimischen“. Genau drei Individuen erreichen als Gruppe den optimalen Energiegewinn. Auch bei der gemeinsamen Jagd der Transients bleiben die Gruppen aus mehreren Pods kleiner: Denn nicht nur die Wahrscheinlichkeit, die Beute zu entdecken, nimmt bei größeren Gruppen zu, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, von ihr entdeckt zu werden.

Dennoch gehen auch die „Wanderer“ oft im Gruppenverband auf Nahrungssuche. Denn eine größere Gruppe erzielt zumeist auch den größeren Beuteerfolg und benötigt weniger Zeit, um eine größere Beute zu töten oder sie bei Konflikten innerhalb zweier Gruppen besser zu verteidigen.

Teamwork zahlt sich aus

Gemeine Seehunde verstecken sich beispielsweise gezielt in Unterwasserhöhlen oder –spalten in der Nähe des Meeresgrunds. Mehrere Transient Orcas koordinieren ihre Oberflächenpausen, die sie zum Atmen brauchen, so, dass immer ein Tier in der Nähe des Meeresbodens wartet, ob der Seehund seine Höhle zum Atmen verlässt. Zieht die Beute an der Oberfläche vorbei, schlagen Weibchen und Jungtiere mit Fluken und Flippern auf sie ein: geschlechterspezifische „Arbeitsteilung“.

Einzelne Tiere könnten das Versteck des Seehundes nicht permanent überwachen: Der Seehund könnte entkommen, sobald der Orca zum Luftholen auftauchen muss.

Stranden ist Frauensache

Wenn es um ihre Leibspeise in den Gewässern der Crozet-Inseln vor der Antarktis geht, lassen sich die geschickten Räuber auch schon mal auflaufen: auf den Strand. Die Bilder von gewaltigen, schwarzglänzenden Körpern, die plötzlich mit einer Welle ans Ufer schießen, um eine junge Robbe zu erwischen und sie mit sich ins offene Meer zu ziehen, sind nicht neu.

Die Orcas vor Crozet und der Küste Patagoniens in Argentinien sind seit Jahrzehnten Teil von Langzeitforschungsprojekten und bejagen vor allem die Jungen verschiedener Flossenfüßer-Arten. Auch, wenn das absichtliche Stranden, um Beute zu erlegen, in seltenen Fällen auch zum Tod der Tiere führen kann, scheint der Jagderfolg groß genug, um dieses Risiko einzugehen.

Vor Crozet nehmen nur weibliche Tiere an dieser Jagd teil, wohingegen in Patagonien auch die Männchen stranden. Nur die stärkere Neigung des Ufers macht es den doppelt so schweren Männchen möglich, sich wieder zurück ins offene Meer zu manövrieren. Wissenschaftler glauben, dass vor allem ausgewachsene männliche Orcas in ihrem Beutespektrum stark eingeschränkt sind, wenn exzellente Manövrierfähigkeit oder Bewegen in flachem Wasser gefordert sind.

22 Wal- und Delfinarten auf der Speisekarte

Das Beutespektrum der Säuger-fressenden Orcas reicht von Meeresschildkröten über Meeres- und Flußotter bis hin zu Dugongs und Seeelefanten. Vereinzelte Studien berichten, sogar die Überreste von Landsäugetieren wie Wild, Elchen oder Schweinen in den Mägen gestrandeter Orcas gefunden zu haben. Seit bekannt wurde, dass Orcas auch andere Delfine und Wale zu ihrer Beute zählen, erhielten sie rasch den Stempel des „Wal-Killers“ oder „Killerwals“.

Die intelligenten Räuber lassen sich von Größe, Geschwindigkeit und auch Zähnen nicht abschrecken: Vom kleinen Schweinswal bis zum größten Lebewesen der Erde, dem Blauwal, stehen ganze 22 Wal- und Delfinarten auf ihrer Speisekarte.

Not macht erfinderisch

Orcas sind nicht nur auf ein breites Beutespektrum spezialisiert, ihre Intelligenz lässt sie in ihrem Kampf ums Überleben auch ständig neue Strategien entwickeln. So können sich einzelne Tiere vor den Falkland Inseln durch enge Felsen und Flachstellen bis in einen beinah abgeschlossenen Meerwasserpool an junge Seeelefanten heranschleichen.

Ruht potentielle Beute auf einer Eisscholle, koordiniert ein Orca-Pod in der Antarktis beispielsweise unter der Leitung des ältesten Weibchens seine Schwimmbewegungen so, dass die gesamte Scholle von anderem treibenden Eis getrennt wird. Ein Kraftakt, bedenkt man, dass sich ein Großteil der Eismasse unterwasser befindet. Die Tiere schwimmen sodann dicht unter der Wasseroberfläche auf die Scholle zu und erzeugen so gezielt eine Welle, die über die Scholle schwappt und die Robbe mit sich ins Meer reißt – wo sie schon von hungrigen Mäulern erwartet wird. Solches Verhalten taucht zunächst vereinzelt auf, wird aber bei Erfolg an die Nachkommen weitergegeben und entwickelt sich zur allgemeinen Jagdtechnik.

Vom Jäger zum Gejagten

Der Ruf des „Killers“ eilt dem Orca leider noch immer voraus, obwohl keine tödlichen Zwischenfälle mit Menschen dokumentiert sind. Auch, wenn er nicht explizit durch den kommerziellen Walfang bedroht wurde, so leidet der Orca zunehmend unter seinem einzigen Feind, dem Menschen. Die Schwertwale in der Straße von Gibraltar liefern sich mit den lokalen Fischern einen erbitterten Kampf ums Überleben. Orca-Populationen vor Japan und Kamtschatka, Russland geraten seit Jahren immer wieder ins Auge der Aquarienindustrie.

2008 erreichte die Südliche Schwertwalpopulation vor British Columbia, Kanada, mit 83 Tieren den niedrigsten Stand seit 5 Jahren. Wissenschaftler und Umweltschutzgruppen machen den massiven Rückgang des Lachses in der Region verantwortlich. Steigender Lärm im Meer und industrielle Verschmutzung könnten zum vermehrten Sterben der Tiere beigetragen haben. „Der Verlust von fast 7% einer Population in einem Jahr ist eine Katastrophe“, bemerkt der Schwertwal-Experte Erich Hoyt von der WDCS. „Wir müssen viel mehr tun, um ihre kritischen Lebensräume und wichtigen Nahrungsressourcen zu schützen.“

Quelle: WDCS vom 28.02.2011

Walgesang verstummt bei Lärmpegel

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