Geliebt, gejagt, gefangen

Quelle: ZDF vom 11.04.2010

Delfine zwischen Fluch und Faszination

Die quirligen Meeressäuger faszinieren Groß und Klein. Doch ihre Beliebtheit wird ihnen zum Verhängnis: Weltweit gibt es etwa 200 Delfinarien und Aquarien mit Delfinen. Oft ist die Haltung der Meeressäuger mit Delfin-Shows verbunden. Das Geschäft ist lukrativ, doch die intelligenten Tiere leiden in der Gefangenschaft.

Millionenfach strömen Menschen in die Shows, erfreuen sich an akrobatischen Kunststücken und lustigen Kapriolen. Seit der TV-Serie "Flipper" in den 70er Jahren boomt das Geschäft. Delfine lernen schnell, denn sie sind intelligent und haben eine Sprache aus komplexen Verständigungslauten.

Unser "Ebenbild im Meer"

Auf dem weltgrößten Wissenschaftskongress in San Diego stellte US-Forscherin Lori Marino im Februar 2010 neueste Forschungsergebnisse über Delfine vor. Danach stehen sie mit ihrer Intelligenz noch vor den Menschenaffen, folgen direkt dem Menschen. "Sie sind hochintelligente Wesen mit Ich-Bewusstsein, Persönlichkeit und Einfühlungsvermögen, die in komplexen sozialen Verbänden leben", sagt die Spezialistin. Sie leitet das Programm "Nervenwissenschaft und Verhaltensbiologie" und hat etliche Publikationen zum Verhalten von Delfinen veröffentlicht.

Ich-Bewusstsein und Sprache: Mensch und Delfin gleichen sich so sehr, dass einige Ethiker Delfine als "unser Ebenbild im Meer" bezeichnen. Eine Faszination, die Menschen aller Altersgruppen in den Bann dieser Tiere zieht. Zudem lächeln sie, aber nur scheinbar. Delfine haben keine Gesichtsmuskeln und der Ausdruck, der für uns Lächeln bedeutet, begleitet sie ungewollt ihr Leben lang.

Delfine leiden

In Gefangenschaft wird ihnen das scheinbare Lächeln zum Verhängnis. Es suggeriert Wohlbefinden, wo in Wirklichkeit meist extremes Leid vorherrscht. Ihr Hauptorgan ist auf akustische Ortung in den Weiten der Meere ausgelegt. Es dient zur Orientierung und zum Jagen. Delfine können mehrere hundert Kilometer täglich zurücklegen und leben in sozialen Großverbänden, in denen sie sich fürsorglich ein Leben lang um einander kümmern.

All das wird in der Enge der Gefangenschaft unvermeidbar zerstört, wo sie als "Goldesel" der Meere arbeiten müssen. Dort erwartet sie eine Welt voller Lärm und ohne die lebenswichtigen sozialen Bindungen. Für die meisten, auch für neugeborene Kälber, bedeutet das den vorzeitigen Tod.

Delfinarien in Deutschland

In Deutschland gibt es von ehemals neun Delfinarien nur noch drei: Den Allwetterzoo Münster, den Duisburger Zoo und den Tiergarten Nürnberg. Letzterer ist besonders oft in die Kritik geraten. Es gab Unfälle, die für Delfine tödlich endeten, und alle sieben neugeborenen Delfinkälber der vergangenen Jahre starben. Der Tiergarten investiert nun und hofft, mit einer "Lagune", einem rund 20 Millionen teuren Bauprojekt, vor allem das Problem der Nachzucht regeln zu können.

Deutsche Delfinarien betonen ihren wissenschaftlichen und erzieherischen Auftrag und weisen darauf hin, keine Wildfänge aus Japan zu haben. Delfinschützer kritisieren dennoch die Haltung als nicht artgerecht. Auch Wildfänge aus anderen Regionen wie den kubanischen Gewässern seien mit viel Leid für die Tiere verbunden.

Fragliche Therapien

Nürnberg bietet zudem als einziger Tiergarten in Deutschland Delfintherapie an. Mit dem Neubau der "Lagune", die im Außenbereich mindestens 2000 Zuschauerplätze haben soll, möchte man auch die Therapie ausweiten. Ziel sind etwa einhundert Behandlungen im Jahr, die Kosten liegen bei 2500 Euro pro Therapiewoche.

Eine Studie der Universität Würzburg bescheinigt der Therapie in Nürnberg positive Wirkung bei verschiedenen Behinderungen. Dennoch wird sie kritisiert: Die Bewertung beruhe im Wesentlichen auf der positiven Einschätzung der beteiligten Eltern. Weltweit gelten solche Studien als wissenschaftlich ungenügend belegt.

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