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Tierquälerei ist kein Kavaliersdelikt

Interview mit Charlotte Köhler von Peta

Ein oder mehrere so genannte „Pferderipper“ sind aktuell in der Region unterwegs. Sie missbrauchen Pferde sexuell. Eine Stute musste aufgrund schwerer Verletzungen sogar eingeschläfert werden. Die Polizeidirektion Pforzheim hat für diese Fälle eine Ermittlungsgruppe eingerichtet. Boulevard Baden hat in diesem Fall Charlotte Köhler, Kampagnenleiterin bei der PETA, ein paar Fragen gestellt.

Wie viele Missbrauchsfälle mit Pferden – in der Art wie in Sternenfalls – sind Ihnen bekannt?
Charlotte Köhler: Leider sind uns viele derartige Missbrauchsfälle bekannt – immer wieder werden Pferde sowohl auf Weiden als auch in Stallungen Opfer von äußerst gewaltsamer Tierquälerei. Dabei erfahren wir über die Medien nur von einem kleinen Bruchteil der Taten – tatsächlich werden die Opferzahlen weit höher liegen. Wir schätzen die Missbrauchsfälle hoch gerechnet anhand der Fallzahlen bei PETA Deutschland, auf eine niedrige dreistellige Anzahl pro Jahr.

Studien und Fallbeispiele belegen einen Zusammenhang von Tierquälerei und Gewalttaten und zeigen, dass Tierquälerei auf keinen Fall verharmlost werden darf! Sadistische Aggression gegen Tiere kann ein Symptom für eine tief greifende mentale Störung sein. Aus einem Tierquäler kann auch schnell ein Täter werden, der Menschen Gewalt zufügt. So schätzt Christoph Paulus, Aggressionsforscher an der Universität Saarland, dass 80 bis 90Prozent aller extremen Gewalttäter zuvor bereits Tiere gequält haben.

So gut wie alle schweren Straftaten, die in den vergangenen Monaten durch die Medien gingen, hatten Tierquälerei zum Inhalt.

Tierquälerei ist also kein Kavaliersdelikt und muss unbedingt geahndet werden. Zudem müssen Tiere so gut es geht vor Gewalt geschützt werden. Treten „Pferderipper-Taten“ in einer Gegend wie nun leider im Raum Heilbronn immer wieder auf, sind Pferdehalter zu Recht besorgt. Sie sollten unbedingt verstärkt achtsam sein. Gerade in abgelegenen Bereichen wäre es wichtig, ein Sicherheitskonzept zu haben oder Streife zu laufen.

Dass die Polizeidirektion Pforzheim eine Sonderkommission eingerichtet hat, begrüßen wir ausdrücklich – dies zeigt, wie ernst die Behörden diesen Fall nehmen. Diese Beachtung erhält der Fall zu Recht, denn nicht nur die Nachrichten, auch die Geschichtsbücher sind voll von Tierquälern und Mörder. Ein bekanntes Beispiel eines brutalen Tierquälers und Serienmörders ist der sogenannte Rhein-Ruhr-Ripper Frank Gust, der in den 1990er Jahren über einen langen Zeitraum hinweg Pferde, Schafe und Rinder quälte, vergewaltigte und sezierte. Nachdem ihn diese Taten nicht mehr befriedigten, folgte die nächste Stufe der Perversion: Der Ripper tötete vier Frauen – auf exakt die gleiche Weise, wie er zuvor die Tiere umbrachte.

Über den Zusammenhang von Tierquälerei und Gewalttaten klärt PETA Deutschland in der Broschüre „Menschen, die Tiere quälen, belassen es selten dabei“ auf, die als Information für Staatsanwälte, Richter, Polizeibeamte und Sozialarbeiter dient. Sie können sie unter www.peta.de/staatsanwalt herunterladen.

Ein Missbrauch an kleinen Tieren ist sicher häufiger der Fall. Was gibt es da zum Beispiel?
Köhler: Immer wieder werden Tiere Opfer von Tierquälerei – sowohl durch Vernachlässigung als auch durch aktive, sadistische Gewalt. Der sexuelle Missbrauch von Tieren trifft nicht nur Pferde, sondern auch Hunde, Schafe, Kühe, Katzen oder auch Hühner. Tatsächlich können alle Tiere, die in der Obhut und der Abhängigkeit von Menschen leben, Opfer von Missbrauch werden. Wir schätzen die Missbrauchszahlen von unseren tierischen Mitbewohnern auf eine niedrige vierstellige Fallzahl.

Die Liste der Taten ist lang, dabei bleibt der Großteil der Missbrauchsfälle leider im Verborgenen. Denn tatsächlich ist Sodomie in Deutschland nicht strafbar, solange das Tier nicht schwer verletzt wird. Die 1969 getroffene Entscheidung, den Paragrafen, der Sodomie verbietet aus dem Strafgesetzbuch zu streichen, war eine der größten Fehlentscheidungen der Justiz. Selbstverständlich leiden Tiere unter Missbrauch – gleich welcher Art! Daher fordern wir ein Heimtierschutzgesetz, das auch den sexuellen Missbrauch von Tieren verbietet.

Wie ist die Entwicklung: Nehmen die Fälle her zu oder ab?
Köhler: Nach unserem Eindruck nehmen die Taten leider zu! Die „Pferderipper-Taten“ sind kein neues Phänomen, aber Christiana Berg, inzwischen Leiterin einer Wolfsburger Polizeiinspektion, hat in einem Aufsatz von 2006 festgestellt, dass sich nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Brutalität und die Heimtücke der Taten verändert.

Es ist wichtig, dass Tierhalter jeden Missbrauch und jede Tierquälerei sofort und unmissverständlich zur Anzeige bringen. Mittlerweile setzt sich glücklicherweise bei Polizei, Staatsanwälten und Gerichten die Überzeugung durch, dass sadistische Tierquälerei und die Täter ernst genommen werden müssen – wegen der Tiere und der Menschen. Und gerade „Pferderippertaten“ gelten als Indikator für eine mögliche Vorstufe schwerer Sexual- oder Gewaltdelikte.

Quelle: http://www.boulevard-baden.de vom 28. Juli 2012

 

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