Lust auf Fleisch bedroht die Ostsee

Steigt die Nachfrage nach Fleisch weiter an, ist die Ostsee in Gefahr. Davor warnen Meeresforscher aus Rostock-Warnemünde. Grund sei die Überdüngung der Ostsee, die durch die wachsende Massentierhaltung - etwa in Polen und im Baltikum - verursacht wird. Äußeres Zeichen für die Gefahr sind die Algenteppiche.

"Schuld an der Überdüngung der Ostsee ist mit über 80 Prozent die industrielle Landwirtschaft", sagt Jochen Lamp von der Umweltstiftung WWF. Immer größere Tierzuchtanlagen entstehen, um die Nachfrage nach billigem Fleisch zu stillen. Felder werden mit Dünger - meist Gülle - auf Hochleistung getrimmt, um möglichst ertragreich Getreide anbauen zu können, das später an die Tiere verfüttert wird. Stickstoff und Phosphor versickern in der Erde, gelangen ins Grundwasser und werden über die Flüsse ins Meer gespült. Ammoniak, ein Gas, das vor allem bei der Zersetzung von tierischen Exkrementen entsteht, entweicht zunächst in die Luft. Später rieselt es mit dem Regen als Ammoniumcarbonat zur Erde zurück und gelangt entweder direkt oder mit den Flüssen ins Meer.

Die so entstehende Überdüngung des Wassers bewirkt ein unnatürlich starkes Wachstum der Algen. "Schwimmende Algenteppiche an der Küste sind das sichtbare Zeichen einer Katastrophe, die sich auf dem Meer ungehindert fortsetzt", so Lamp. Sterben diese Algen ab, sinken sie auf den Meeresboden und werden dort von Bakterien abgebaut. Dieser Prozess verbraucht Sauerstoff, der Tieren und Pflanzen dann zum Leben fehlt.

Meeresforscher in Schweden sind in der Mitte der Ostsee auf immer mehr sogenannte tote Böden gestoßen. Diese sauerstoffarmen Zonen sind laut Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) heute vier Mal größer als noch vor 100 Jahren. "Inzwischen tritt auch vermehrt Sauerstoffmangel im Küstenwasser der Ostsee auf", sagt Joachim Dippner vom IOW, "vor allem in Deutschland, Finnland und Schweden." Schreite der bisherige Fleischkonsum in den Anliegerstaaten der Ostsee so voran wie bisher, "dann haben wir 2100 das Sechsfache an Nährstoffeinträgen in der Ostsee", warnt Ozeanograph Dippner.

Fleischverzehr 61,6 Kilogramm pro Kopf

Der Fleischverzehr in Deutschland liegt laut Bundesverband der Fleischwarenindustrie in Europa zwar mit 61,6 Kilogramm pro Kopf im Mittelfeld - die größten Fleischkonsumenten sind Dänemark mit 79,3 Kilo und Spanien mit 81,8 Kilo. Dafür ist die deutsche Fleischindustrie einer Studie des französischen Marktforschungs-Unternehmens GIRA zufolge mit 26 Prozent führend bei der europäischen Fleischproduktion. Es folgen Spanien und Italien mit jeweils elf Prozent und Frankreich und Polen mit jeweils neun Prozent. Der größte Teil der deutschen Fleischwirtschaft ist im Nordwesten konzentriert. Aber der Nordosten holt auf: Laut Bund für Umwelt und Naturschutz lassen sich seit 2000 in Mecklenburg-Vorpommern verstärkt industrielle Schweine- und Geflügelmastbetriebe nieder - vor allem niederländische Investoren.

Auch osteuropäische Anliegerländer steigen in das Geschäft ein. "Holland und Dänemark haben ihre Hühner- und Schweinemasten bereits nach Polen verlegt, wo geringere Umweltauflagen gelten", sagt Joachim Dippner, "So landet das, was früher in die Nordsee ging, heute in der Ostsee."

Der WWF in Schweden bestätigt den Trend

Der WWF in Schweden und Lettland bestätigt den Trend zur Ostwärtsbewegung: In den ehemaligen Sowjetrepubliken gab es früher Mastbetriebe mit großen Stallanlagen. Sie waren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion teilweise außer Betrieb, werden aber inzwischen wieder von ausländischen Investoren betrieben.

Im Zuge der Osterweiterung der EU 2004 kaufte sich der dänische Fleischkonzern Danish Crow in Polen ein, der US-Konzern Smithfield kontrolliert etwa zehn Prozent des polnischen Fleischmarktes. Laut Welternährungsorganisation FAO ist von 2000 bis 2010 in Estland vor allem die Schweinemast angestiegen, in Lettland, Litauen und Polen besonders die Hühnermast.

Ausländische Investoren, die 2004 nach Polen kamen, konnten ihre Mastbetriebe nach den damaligen polnischen Umweltauflagen in Betrieb nehmen und profitieren noch heute von Übergangsfristen, bis die aktuellen EU-Richtlinien in Kraft treten. "Umweltschutz wird in den osteuropäischen Ländern oft als Hemmnis angesehen, denn an erster Stelle steht das Wirtschaftswachstum", sagt Dietrich Schulz vom Umweltbundesamt.

Schulz ist einer der Vorsitzenden des Forums Landwirtschaft und Umwelt der Helsinki Kommission (HELCOM), die von den Ostsee-Anrainern gegründet wurde, um die Meeresumwelt zu schützen. Laut HELCOM ist Polen mit jeweils zirka 50 Prozent Anteil der größte Phosphor- und Stickstoffverschmutzer der Ostsee.

Die polnische Umweltorganisation Green Federation Gaja beklagt, dass es zu wenig Regelungen gibt bei der Anwendung von Düngemitteln und zur Luftbelastung durch die industrielle Tierhaltung. Kontrollen würden kaum durchgeführt. Die Ausländer kooperierten nicht mit den polnischen Behörden und lehnten Überwachungen ab.

Strengere Auflagen bei der Fleischproduktion, an die sich alle Anliegerstaaten halten müssen, sind eine der Maßnahmen, die Forschungsinstitute fordern. Aber auch ein verändertes Düngeverhalten der Landwirte sei gefragt: Düngen nach Bedarf und nicht nach Plan, also öfter, aber dafür gezielt und in kleineren Mengen. Überdies könne jeder Verbraucher einen Beitrag leisten. Umweltschutzexperten empfehlen, den Verbrauch spürbar zu verringern. Das könne helfen, die Badestrände der Ostsee von Algenteppichen zu verschonen.

Quelle: www.moz.de
vom 26.10.2012

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