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Es ist höchste Zeit ...

SZ 20.09.2014 Paul Leonhard
von HELMUT SCHÖDEL

ERBARMUNGSLOS

Allmählich wird uns klar, wie gedankenlos wir mit unseren Nutztieren umgehen - und was wir uns selbst antun, wenn wir Schweine, Rinder oder Hühner als Fleischhaufen verramschen. Es ist Zeit für einen radikalen Wandel.

In einer kleinen Box sitzen ein paar männliche Küken, flauschig gelb und süß anzuschauen. In die Box wird Gas eingeleitet. Siehe da, die Küken ersticken binnen zweier Minuten! So sterben jährlich um die 25 Millionen Hühnerchen, die dann zerhäckselt werden, weil man sie nicht brauchen kann, sie legen weder Eier noch sind sie zur Mast geeignet. Der das große Massaker am kleinen Beispiel exerziert, ist der englische Starkoch Jarnie Oliver, er legt es darauf an, dem Verbraucher vorzuführen, dass Hühnerschenkel und Kalbsschnitzel nicht auf Bäumen wachsen. Dass sie ihren Preis haben, nicht nur im Laden.

Die Gegenwart ist eine Hölle für Tiere. Statt Hegern und Pflegern begegnen sie Tätern. Unser Blick auf ihr Schicksal wird durch einen pathologischen Astigmatismus bestimmt, wir schielen uns an den Tatsachen vorbei und begegnen Tieren vor allem in den Kochsendungen und Küchenschlachten als Fälle für Gewürzmischungen und Food Design. Taucht ein Wolf in unserer Gegend auf und reißt ein Schaf, ist das Geschrei groß, das beim Anblick eines leicht rosa gebratenen Lammrückens sofort verstummt. Haben sich diese Lämmer für uns freiwillig in den Topf gelegt? Oder waren wir in diesen Fällen der Wolf? „Nur ned zu viel Hitz", sagt Alfons Schubeck und empfiehlt, sie langsam zu kochen.

Der Tierschutz war lange Zeit keine überzeugende Adresse für den kritischen Denker, schwitzende Vertreter einer untergegangenen Protestkultur skandierten ihr Missvergnügen, als wären Tiere die besseren Menschen. Aber selbst, wer sich nicht besonders um Tiere kümmerte, dem musste irgendwann auffallen, dass sie nach und nach verschwanden - in Zuchtfabriken und auf Spaltböden gedemütigt und geschunden. Schon 2011 betrug die Schweinefleischproduktion in Deutschland: fast 6000 Tonnen. Die Massentierhaltung ist immer superlativischer geworden, schönfärberisch als Intensivhaltung bezeichnet. Das alles begann schon Ende der Sechzigerjahre, als auch die Wiesen nach und nach ihre Farben verloren.

In den Feuilletons, die sich bereits zu Grübelecken entwickelten, war noch vor kaum zwanzig Jahren nicht angesagt, groß über Tiere nachzudenken. So missratene „Hamlet"-Aufführungen waren dagegen kein Problem. Im Jenseits musste man auf die Frage „Wo warst du, Adam?" dann eben einfach antworten: im deutschen Feuilleton. Wo man sich mit Kant befasste, war für Kühe kein Platz. Was galt schon eine Kuh, verglichen mit Kant in Königsberg! Dabei haben sich viele große Dichter des Themas angenommen, seit der Antike und erst recht im anthropozentrischen Christentum. Selbst Richard Wagner war ein Hundefreund. Für viele Künstler waren ihre Hunde Musen auf vier Beinen.

„Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich", sagte Walter Scheel

Als Haustiere in den Achtzigern groß in Mode kamen, machten die Menschen wieder selbst Erfahrungen mit Tieren. Da wurde klar, dass Hasso nicht Bello ist. Dass sie sich unterscheiden, Gefühle und Charakter besitzen. Zwar nicht spiegelkompetent, also nicht in der Lage, sich selbst zu erkennen, aber ausgestattet mit Instinkten und Gefühlen, die sie manchmal überlegen erscheinen lassen. Keine Sachen, sondern Persönlichkeiten, die sich von anderen Hundepersönlichkeiten unterscheiden. Die Schriftstellerin Luise Rinser sprach vom „Bruder Hund", und Bundespräsident Walter Scheel behauptete: „Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich." Die Hunde der amerikanischen Präsidenten, Clintons Labrador Buddy, der bei ihm schlief, wenn Hillary nicht da war, oder Bushs Scottish Terrier Barney wurden zu Berühmtheiten im Weißen Haus. Obamas Hund Bo hat einen eigenen Bodyguard. Aber das ist nicht die Welt Berlins. Angela Merkels Amtszeit wird wohl hundelos bleiben. Die Berliner Republik ist überhaupt eine Welt ohne Tiere. Eine kalte Republik.

Hat man erst einmal praktischen Kontakt zu unseren Mitgeschöpfen, wird man sich ihrer Verletzlichkeit bewusst. Obwohl unsere Liebe zum Haustier nicht immer etwas über unsere Liebe zu Tieren im Allgemeinen aussagt und sich oft in dekadente Narrheiten versteigt. Schon der Nachbarshund kann als Bestie gelten, wenn er zu einer anderen Zeit bellt als der eigene.

Leergefischte Meere, abgeholzte Wälder, weggesperrte Nutztiere, automatische Waschanlagen für Senioren in Japan: Der rigorose Werteverlust der New-EconornyZeit, der ganze Turbokapitalismus erwies sich schon Ende des letzten Jahrtausends auch als Mittel menschlicher Selbstzerstörung. Ohne dass damals Überlegungen von Schriftstellern wie Jonathan Safran Foer schon halbwegs populär waren, die eine Welt ohne Menschen als paradiesisch beschreiben: blühende Landschaften, Artenvielfalt. Die Krone der Schöpfung wurde als deren Kaputtmacher entdeckt. Mir fiel zu dieser Zeit Hans Wollschlägers im Stil der Frankfurter Schule geschriebener Anklage Essay ein, „Tiere sehen dich an", der für Wollschlägers Leben ernste Konsequenzen hatte, weil er sich das alles nicht vorn Leib schrieb, sondern es sich zu Herzen nahm. Ich im Übrigen auch.

Vor zehn Jahren reiste ich im Auftrag der SZ und unterstützt vom Salzburger Tierrettungsgut Aiderbichl nach Gorizia, einer italienischen Stadt an der Grenze zu Slowenien. Dort befindet sich der Grenzübergang für Tiertransporte der Ostroute zu den italienischen Akkordschlachthöfen. Ich war beim Landwirtschaftsministerium angemeldet und hatte einen Anwalt dabei, den ich auch brauchen sollte. Da standen sie dann, zusammengepfercht auf Lastwagen in der Mittagshitze, ohne Futter und Wasser. Dehydriert, verängstigt, und manche sagen, sie hätten Pferde weinen sehen. Die Schafe in drei bis vier Etagen übereinander bei 30 Grad. Sie blökten vor Verzweiflung, und die Pferde schlugen aus. Sie waren keine Schafe mehr und keine Pferde, sondern Schlachtvieh - das Letzte auf dieser Erde. Für Pferde, von denen man glaubte, dass sie den Weitertransport nicht überstehen würden, gab es ein eigenes Pferdekrematorium, einen Container mit einem Schlot und einer Betonschräge davor, auf der man die Kadaver zum Ofen ziehen konnte. Man blickte auf eine Leben verachtende Welt. Aber nicht lange. Dann kamen schon drei Polizeiwagen an, kassierten die Pässe der Zeugen und verbrachten sie in die Polizeistation. Denn sie wissen ja, was sie tun und dass dies alles am besten niemand sehen sollte. Gorizia war eine furchtbare Erfahrung. Die Tiere sahen die Menschen an, mit Augen voller Qual und Fragen: Warum?!

Man hat die Natur und die Tiere verraten, und die Folgen werden immer drastischer. Wolken lassen sich auf uns fallen wie Wasserbomben, Orkane hauen uns die Ziegel um die Ohren, die vermüllten Meere schicken uns jede Menge Quallen, durch die Massentierhaltung erzeugte Seuchen suchen uns heim, und in den engen, dunklen Ställen schreien weiterhin die Tiere.

Aber wir machen Business und Wahlkämpfe as usual. Und entblöden uns nicht, die Tiere wieder zu Feinden zu erklären. Böse Bären sichtet man in unseren Nutzholzplantagen, schreckliche Wildschweinhorden und Maulwürfe bedrohen die Vorgärten unserer aseptisch sauberen Doppelhaushälften. Es geschieht uns recht.

Nun könnte man sagen, die Tierschutzgesetze würden doch immer wieder überarbeitet und verbessert, auch in Deutschland sind sie gerade um ein paar dürre Auflagen ergänzt worden. Was bringt's dem Tier? Kälber dürfen weiterhin ohne Betäubung enthornt, Ferkel noch viele Jahre lang betäubungslos kastriert und kupiert werden, damit sie einander in den engen Verschlägen nicht die Ringelschwänzchen abbeißen. „Ohne vernünftigen Grund" dürfe Tieren kein Leid zugefügt werden, heißt es im deutschen Tierschutzgesetz. Aber der Mensch findet immer einen Grund, den er dann vernünftig nennt: das Brathuhn für vier Euro, das Schnitzel für zwofuffzig.

Es gibt ein neues Tierschutzgesetz, aber was hilft das, wenn das Schnitzel zwofuffzig kostet?

Das Gesetz ist das Papier nicht wert, auf dem es steht. Am Mittwoch hat der Landwirtschaftsminister versprochen, nochmals nachzubessern: „Am Ende dieser Legislaturperiode muss es den Tieren besser gehen als heute." Aber machen wir uns nichts vor. Das alles basiert auf Selbstverpflichtungen der Bauern, und die besten Vorschläge werden ohnehin stets durch Ausnahmen ausgehebelt.

Hielte ich meinen Hund zu Hause in einem engen Käfig, würde ich bestraft. Lebte er jahrelang unter solchen und schlimmeren Bedingungen in einem Versuchslabor, wäre das in Ordnung. Auch die Haltungsgesetze für sogenannte Nutztiere heben den Tierschutz immer wieder auf. Ein Schwein in meinem Garten müsste artgerecht gehalten werden, mit intaktem Schwanz. Bin ich aber Bauer und halte hundert oder tausend Schweine, fällt alles flach.

Inzwischen werden Überlegungen aus der Welt der Züchter ruchbar: Hühner ohne Beine und Federn, denen man die Leidensfähigkeit wegzüchtet - preisgünstige Fleischbatzen, die einfach Eier legen. Auch hat man beängstigenderweise herausgefunden, dass blinde Kühe im Koma am meisten Milch geben. Könnte auch sein, beinlose, somit an ihren Arbeitsplatz gebundene ledige Journalisten schreiben am billigsten die längsten Texte.

Etwas ändern kann nur die Moral in uns, indem keine Schweinereien mehr gekauft oder gegessen werden. Denn im Grunde sind wir ja ganz anders, wir kommen nur selten dazu. Wir können Politik machen. Die Macht des Verbrauchers nimmt zu. Er kann entscheiden - gegen Brüssel und die Industrie. Was er nicht kauft, kann nicht produziert werden. Die nachhaltigste Tierrettung findet beim Einkaufen statt: Wer keine Masthähnchen zu sich nimmt, sich nicht von Billigfleisch ernährt und Batterie-Eier ablehnt, erspart den Tieren unendliches Leid. Eine erfolgreiche Kampagne in Österreich hat zum Beispiel bewirkt, dass die Leute keine Batterie-Eier mehrhaben wollten, auch nicht beim Frühstück im Hotel. Also wurde die Produktion eingestellt.

Wenn Tiere weiterhin so obszön misshandelt und ihre Qualen publik gemacht werden, ist in der Bevölkerung ein Umdenken nicht mehr auszuschließen. Das Ausmaß der Folgen wird allmählich zumindest gespürt. Darauf sind unsere Politiker weitestgehend unvorbereitet.

Zusammengefasst: Erstens, für Pessimismus ist es zu spät. Zweitens, die Proteste sind verpufft. Drittens, die Politik versagt. Viertens, jetzt geht es um Lösungen, mit oder ohne Politik. In kleinen Schritten, aber gegen die Uhr, zu zögerlich dürfen wir nicht mehr sein. Die Fakten sind bekannt, der Spielraum ist vertan. Vom Wegschauen unserer Stellvertreter und ihrem schrägen Verhältnis mit den Lobbyisten der Geldgier dürfen wir uns nicht länger entmutigen lassen, auch nicht von unserer eigenen Bequemlichkeit.
Wir sind die Bürger. Wir haben die Verantwortung, auch für unsere Mitgeschöpfe. Der Letzte macht das Licht aus. Und der wollen wir nicht sein.

Statements zur Massentierhaltung

“Die Massentierhaltung ist als erstes ein Unrecht, das wir den Tieren zufügen. Selbst nach Meinung des Gesetzgebers sind Tiere artgerecht zu halten. Die Massentierhaltung ist nicht artgerecht. Sie ist eine millionenfache Quälerei an Tieren. Die Massentierhaltung ist aber auch ein Unrecht, das wir uns selbst zufügen. Sie zwingt den großen Teil der Bevölkerung zum Wegschauen, zum Vergleichgültigen, zum Ausblenden, — also zum Lügen, zur Gefühlsabstumpfung und zur Verdrängung. Wer mit dem offensichtlichen Leid der Tiere derart umgeht, verkrüppelt sich als Mensch. Die Massentierhaltung ist illegal und illegitim. Sie gehört abgeschafft. ...” (vollständig hier) Professor Eugen Drewermann, Theologe

"Es gibt vielerlei Gründe, warum ich die Massentierhaltung ablehne. Der wichtigste Grund ist für mich, dass die Tiere völlig unartgemäß gehalten werden und eher dahinvegetieren. Die Verhaltensforschung hat so viele Kenntnisse über unsere als Nutztiere gehaltenen Tierarten gewonnen, dass man sicher mit Fug und Recht von nicht-artgemäßer Haltung sprechen kann. Dazu kommen aus meiner Sicht ethische Gründe: Im Umgang mit Tieren in der Massentierhaltung zeigt sich der hohe Verrottungsgrad dieser Gesellschaft besonders deutlich. Ein dritter Komplex ist für mich schlicht und einfach, dass ich gesunde Nahrung essen möchte (...). Schließlich ist es nun mal so, dass wir in Mitteleuropa mit unserem hohen Fleischverbrauch aus der Massentierhaltung z.B. den Regenwald mit auffressen, weil dort Futterplantagen (Soja) für die bei uns gehaltenen Tiere entstehen." Professor Herbert Zucchi, Professor für Zoologie/Ökologie in Osnabrück

"Es gehört offensichtlich nicht zu unserer Zivilisation und Kultur, Tiere zu respektieren und ihnen gar Mitempfinden und Zuneigung entgegenzubringen. Hingegen betrachten wir die sogenannten Nutztiere nur als Lebensmittel. Wenn es um Habgier und Gewinnsucht geht, sind bei manchen Menschen Vernunft und Mitleid außer Kraft gesetzt. Es ist ein Schandfleck für unsere Gesetzgebung, dass einer vielfältigen Tierquälerei nicht längst ein Riegel vorgeschoben wurde. Für die Politik heißt es, endlich Farbe bekennen und handeln." Gunter Preuß, Autor

"Den Begründungen des Aufrufs ist sowohl in ethischer als auch ökonomischer Sicht nichts hinzuzufügen! Aus ärztlicher Sicht ist zu ergänzen, dass wir den "Lohn für unser Fehlverhalten" bereits bekommen haben, allerdings ohne dass die Gesellschaft diesen Zusammenhang bislang realisiert hat: 90 % der Bevölkerung in den Industrienationen sterben an oder mit einer chronischen Zivilisationserkrankung (Krebs, Herz Kreislauf Erkrankung, Diabetes, Demenz etc.) meist in einem Krankenhaus oder Pflegeheim anstatt an Altersschwäche zu Hause im eigenen Bett! Wenn wir schon kein Erbarmen mit anderen Kreaturen haben, dann sollten wir aus purem Eigennutz ein verändertes Verhalten entwickeln!" Professor Jörg Spitz, Arzt und Gründer der “Gesellschaft für Medizinische Information und Prävention”

„Massentierhaltung missachtet den Eigenwert des Lebens der Tiere, beutet deren Leben aus und gefährdet auf längere Sicht das Zusammenleben aller Arten und damit das Leben auf diesem Planeten.“Professor Wilhelm Vossenkuhl, Philosoph an der Universität München

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