Wenn sich Pflanzen unterhalten

- geht es nicht um Small-Talk

Menschen sind die klügsten, am weitesten entwickelten Lebewesen der Erde. Danach kommt lange, lange nichts, aber wir gestehen Tieren immerhin ein paar einfache, rudimentäre Fähigkeiten zu. Weit abgeschlagen rangieren Pflanzen in unserem Wertesystem. Sie sind stumm, bewegen sich in der Regel nicht von ihrem Standort weg und sind auf die in ihrer unmittelbaren Umgebung vorkommenden Nährstoffe angewiesen.

Gut, es gibt natürlich Ausnahmen, wie den Halimasch. Dieser Pilz verbreitet sich unter der Erde und erreicht eine Größe von mehreren Quadratkilometern, so dass man ihn kaum noch als Standort-gebunden bezeichnen kann. Und ähnlich wie der ein oder andere faule Stadtmensch, lassen sich auch fleischfressende Pflanzen ihr Steak frei Haus liefern. Dass so eine leckere Schnake nur selten durch Zufall vorbeikommt, mussten auch Pflanzen lernen. Statt wie wir Schall in elektrische Signale umzuwandeln - denn sich vor die Tür zu stellen und "Hunger!" zu rufen hat selten die gewünschte Wirkung - schicken fleischfressende Pflanzen chemische Signale aus, um ihr Opfer anzulocken.

Indes, die meisten der rund 500.000 uns bekannten Pflanzenarten sind nicht Jäger, sondern Opfer von Insekten. Pflanzenfressende Insekten und ihre Raupen treten oft in großer Zahl auf und können eine Pflanze in wenigen Stunden völlig vernichten. Zumindest theoretisch. Denn die Evolution überlebt haben nur diejenigen Pflanzen, die sich zu schützen verstanden. Viele Pflanzen enthalten giftige Substanzen, die Insekten abschrecken oder töten. Doch die Evolution begünstigt keine Art und so haben sich auch Insekten entwickelt, die gegen die Pflanzengifte immun sind.

Die Raupe des Tabakschwärmers beispielsweise ist unempfindlich gegenüber dem Nikotin, das Tabakpflanzen vor Schädlingen schützen soll. Aber wie wir heute, dank Pflanzenforschern wie Ian Baldwin, Direktor des Jenaer Max-Planck-Instituts für Chemische Ökologie, wissen, haben Pflanzen ein ausgeklügeltes und effektives Kommunikationssystem entwickelt. Beißt eine Tabakschwärmerraupe genüsslich in ein Tabakblatt, löst ihr Speichel innerhalb von wenigen Minuten eine Kettenreaktion zum Schutz der Pflanze aus.

Aus der Bisswunde strömen Duftstoffe, die vom Wind über mehrere Kilometer verteilt werden und andere Pflanzen warnen, die für diese Duftstoffe (Moleküle) die passenden Rezeptoren haben. So können sie, noch bevor sie selbst angegriffen werden, damit beginnen Stoffe zu produzieren, die den erwarteten Raupen schaden. Das Immunsystem der Pflanzen kann aufgrund des eindringenden Insektenspeichels sehr genau unterscheiden, welche Abwehrstoffe für den jeweiligen Schädling produziert werden müssen und kann diese Information auch durch die chemischen Signale an andere gefährdete Pflanzen weiter geben.

Überschreitet der Angriff der Pflanzenfresser eine bestimmte Dauer, bei Versuchen mit Tabakpflanzen war die Grenze bei zehn Stunden erreicht, senden die Pflanzen Duftstoffe aus, die andere Insekten anlocken. Einige Pflanzenarten sondern einen süßen Saft ab, dessen Geruch Ameisen anlockt, die auch Raupen angreifen. Andere, wie Wespen der Gattung "Cotesia", haben sich auf die Eiablage in den Raupen von Tabakschwärmern spezialisiert. Ian Baldwin: "Wie diese passende Wirtspflanze klingt , lernen junge Wespenweibchen schnell. Es genügt, dass sie einmal auf die Raupe stoßen und dabei zufällig die SOS-Duftstoffe der Wirtspflanze wahrnehmen schon merken sie sich den Zusammenhang." Dafür haben Insekten am ganzen Körper Sinneszellen und deren Rezeptoren. Damit können sie schon einzelne Moleküle bewusst wahrnehmen.

Ian Baldwin und seine Kollegen haben in einem Feldversuch getestet, wie wichtig die Kommunikation der Pflanzen für ihr Überleben ist. Dafür züchteten sie Tabakpflanzen, denen die Gene zum entschlüsseln der chemischen Signale fehlten. Sie pflanzten diese zwischen wild wachsende Tabakpflanzen. Innerhalb weniger Tage wurden die Züchtungen förmlich von Schädlingen erdrückt. Dafür ist nicht einmal eine gezielte genetische Manipulierung notwendig.

Den meisten Menschen ist schon einmal aufgefallen, dass Obst und Gemüse irgendwie nicht mehr so stark duften, wie es einem die Erinnerung an Früher vorgaukelt. Einbildung? Vergleiche haben gezeigt, dass Wildpflanzen, im Vergleich mit unseren Kulturpflanzen, ein Vielfaches an Duftstoffen produzieren. Unsere heutigen Nutzpflanzen wurden über Jahrtausende hinweg dahingehend gezüchtet, mehr Ertrag auf kleineren Flächen zu erbringen. In den letzten Jahrzehnten kam noch die Züchtung auf leichtere Verarbeitung für die Lebensmittelindustrie hinzu.

Diese menschliche Selektion unterscheidet nicht, ob und wie viele Duftstoffe das ertragreichere Modell noch produzieren kann. Um den von uns als Katastrophe eingestuften, immer wieder auftretenden Schädlingsbefall zu bekämpfen, beschützen wir unsere Nutzpflanzen durch das Besprühen mit Pestiziden. Damit deren giftige Wirkstoffe möglichst wenig von den Pflanzen aufgenommen werden und so über die Nahrung auch uns schaden können, müssen wir Pflanzen züchten, die gegen Pestizide immun sind. Die dadurch entstehenden neuen Anfälligkeiten dieser Kreationen, werden durch weitere Zusätze im Dünger, Unkrautvernichter oder den Pestiziden ausgeglichen. Dadurch wiederum ... Menschen sind eben die klügsten, am weitesten entwickelten Lebewesen der Erde.
Quelle: The Intelligence

Ich empfehle Ihnen einen sehr lesenswerten Bericht von Herrn Peter H. Arras. Lesen Sie seinen Blickwinkel über Pflanzen. Sein Plädoyer für Pflanzen ist großartig und erweitert die Sichtweise über Pflanzen allgemein.

Hier ein kleiner Auszug:

Plädoyer für die Anerkennung der Individualrechte der Pflanzen

Nicht erst seit den Backster- Versuchen der 60er Jahre in den USA, die nachgewiesen haben, dass Pflanzen empfinden, gibt es sensible Menschen unter uns, denen schon von jeher das Gefühl sagte, dass Pflanzen empfindungsfähige Wesen sind. Es wurden weltweit durchaus ernstzunehmende Untersuchungen angestellt, um dieses Gefühl wissenschaftlich zu beweisen, durchaus erfolgreich, wie aus dünn gesäten und wenig bekannt gewordenen Publikationen hervorgeht.

Doch noch niemals, jedenfalls nicht meines Wissens, wurde hieraus resultierend die Forderung nach Konsequenzen formuliert, nämlich, dem pflanzlichen Leben als solchem zumindest prinzipiell den Schutz vor Willkür, Unrecht und Leid angedeihen zu lassen. Ich meine den Versuch, dem Leben Pflanze als Individuum Rechte zuzugestehen und diese Rechte in mitweltethische Konzepte zu integrieren.

Die Ergebnisse dieser Studien werden lediglich interessant empfunden, man denkt darüber nach, wie man die gewonnenen Erkenntnisse wirtschaftlich verwerten könnte, um Erträge in der Landwirtschaft zu steigern, doch keiner dieser Wissenschaftler, die übrigens meist Physiker sind, hat es je gewagt oder vielleicht gar nicht erst daran gedacht, welche ethischen Folgen ihre Erkenntnisse haben. Es scheint auch auf den ersten Blick absurd, Pflanzen vor Schaden und Leid zu bewahren, schließlich gehören Pflanzen so selbstverständlich zu unserer Welt, wie die Erde, aus der sie wachsen, die Steine, die Luft, das Wasser.

Es sind die Pflanzen, denen wir den Sauerstoff zu verdanken haben, den wir atmen; es sind die Pflanzen, die wir essen, aus denen wir Häuser bauen, Werkzeuge herstellen usw. Pflanzen sind die Produzenten unserer Erde, sie sind das bedeutendste Glied innerhalb unseres irdischen Stoffwechsels, ohne sie ist das Leben in der Form, wie wir es kennen, nicht möglich! Ihr Dasein und ihre Nutzung ist für Menschen und Tiere eine Selbstverständlichkeit, wie sollte man sich angesichts dessen dazu veranlasst fühlen, über ihre Empfindungen und ihre Leidensfähigkeit nachzudenken, denn so oder so, wir könnten darauf ohnehin keine Rücksicht nehmen - glauben wir jedenfalls.

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Vermehrung mit Verbeugung

Neuentdeckte Pflanze baut ihre Samen selbst an

Spigelia genuflexa senkt fruchttragende Zweige zu Boden, um das Keimen zu garantieren

Brasilia - Die Verbeugung trägt sie bereits im Namen: Spigelia genuflexa lautet die Bezeichnung einer neuentdeckten Pflanze aus der Familie der Brechnussgewächse, weitläufigen Verwandten des Enzians. Entdeckt hat die Pflanze ein Amateurbotaniker im nordöstlichen Brasilien. Ihre Besonderheit: Sie beugt ihre Zweige zu Boden, um ihre Samen abzulegen - manchmal vergräbt sie sie dabei sogar unter der Erde.

Der Botaniker, der von Russland nach Brasilien ausgewanderte Alex Popovkin, sammelte auf seinem Anwesen im Staat Bahia Proben von insgesamt 800 Spezies und holte sich bei der Klassifizierung Hilfe von der US-amerikanischen Expertin Lena Struwe, wie die BBC berichtet. Struwe identifizierte die Pflanze als bislang unbekannte Spezies und stellte sie gemeinsam mit Popovkin im Fachjournal "PhytoKeys" vor.

Das ungewöhnliche Fortpflanzungsverhalten von Spigelia genuflexa ist nicht ganz singulär - ähnliches ist von anderen Spezies bekannt, die auf räumlich begrenztem, unwirtlichem Gelände wachsen. Struwe glaubt, dass dem Biotop auch in diesem Fall eine entscheidende Rolle zukommt: Die Pflanze ist nicht weit verbreitet, zudem findet sie in der Region nur kleine "Inseln" vor, auf denen sie gedeihen kann. Die gilt es auszunutzen - ein behutsamer "Eigenanbau" ist daher günstiger, als die Verteilung der Samen dem Zufall zu überlassen. Zudem hat die Spigelia nur eine Lebensdauer von einigen Monaten: Somit machen Mutter- und Tochterpflanzen einander in ihrem kleinen Lebensraum keine Konkurrenz.

Quelle: derStandard.at vom 01.10.2011

Pflanzen mit Gefühl, Seele und Verstand

Können Pflanzen denken und fühlen? Was aus der Sicht des gesunden Menschenverstandes als ausgeschlossen gilt, ist für einen Bonner Zellularbiologen eine Tatsache. Seine kühne These: Pflanzen können riechen, schmecken, sehen, hören und sprechen ganz so wie Tiere.

Einige Pflanzenforscher gehen bereits seit längerer Zeit davon aus, dass Pflanzen bestimmte Strukturen aufweisen, die ähnlichen Funktionen erfüllen wie das menschliche Nervensystem. So senden zum Beispiel Maispflanzen spezifische Duftstoffe aus, um damit Schlupfwespen anzulocken, die schädliche Raupen eliminieren.

Die Auffassung, dass Pflanzen über eine gewisse Form von Intelligenz verfügen, vertritt auch der Zellularbiologe Frantisek Baluska von der Universität Bonn: Pflanzen könnten riechen, schmecken, sehen, hören und sprechen. Vermutlich hätten sie sogar mehr Sinne als Menschen. So erspürten Pflanzen mindestens 20 verschiedene Umweltfaktoren, darunter Licht, Bodenstruktur und Schwerkraft. Außerdem orientierten sie sich - ähnlich wie Vögel - an elektrischen und magnetischen Feldern der Erde, so der Forscher Über seine Erkenntnisse berichtet er in der aktuellen Oktober-Ausgabe des P.M. Magazin

Der Zellularbiologe glaubt zudem belegen zu können, dass die Wurzeln der Pflanzen, was die Kommunikation angeht, problemlos mit dem Internet mithalten würden. Das Infonetz der Pflanzen sei mindestens so groß wie das World Wide Web. Laut Baluska besitzt eine einzige Roggenpflanze 13 Millionen Wurzelfasern, deren Gesamtlänge von 600 Kilometern beträgt, wobei die Wurzelfasern ein riesiges dynamisches Kommunikationsnetz bilden. Der Forscher hat an der Spitze jeder Wurzelfaser spezialisierte Zellen entdeckt, die "gehirnähnliche Funktionen" wahrnehmen. Im Verbund bildeten diese Zellen das "Gehirn der Pflanze", man könnte auch von einem "Wood Wide Web" sprechen, so seine Erklärung.

"Wir wissen jetzt, dass Pflanzen insbesondere unter der Erde intensiv miteinander kommunizieren", erklärt Baluska im Interview mit dem Magazin. Zur Kommunikation verwendeten sie in Wasser gelöste Botenstoffe, die sie mit den Wurzeln "schmecken" könnten. Zudem könnten Pflanzen auch zwischen ihrer eigenen Art und Fremden unterscheiden.

Doch die zentrale Frage, ob eine Pflanze Schmerz empfinden kann, konnte der Zellularbiologe nicht beantworten: Darüber sei nichts bekannt, so der Forscher. Eines ist aber sicher: Der Pflanzenforschung steht eine aufregende Zeit bevor, vielleicht sogar ein Paradigmenwechsel in der Sicht auf die Natur.

Pflanzen haben Gefühle und tauschen Informationen

Als Cleve Backster nach einer arbeitsreichen Nacht in den frühen Morgenstunden des 2. Februar 1966 auf die Idee kommt, die Elektroden eines Lügendetektors an seine Büropflanze zu klemmen, ahnt er nicht, welche Auswirkungen diese spontane Eingebung auf sein späteres Leben haben wird. Sonst hätte er es sich vielleicht noch einmal anders überlegt. Backster ist zu dieser Zeit ein renomierter Spezialist für Lügendetektor-Analysen in den USA und arbeitet eng mit FBI und CIA zusammen. Eigentlich will er mit den Elektroden an seinem Drachenbaum nur herausfinden, wie lange es nach dem Gießen dauert, bis das Wasser die Blätter erreicht. Zu Backsters Verblüffung zeichnet der Schreiber des Gerätes sofort eine Kurve auf, die er aus zahlreichen Verhören mit Menschen kennt. Sie bekundet, daß der Befragte kurzfristig positiv erregt ist. Wie kann eine Pflanze positiv erregt sein? Hat sie sich über das Gießwasser gefreut? Backster beschließt, ein Streichholz zu holen und eines der Blätter anzubrennen, um zu sehen, wie sie darauf reagiert. Der Schreiber zeigt eine Dramatische Angst-Kurve auf. Backster ist wie vom Donner gerührt: Er hat noch nicht einmal das Streichholz angezündet, sondern nur daran gedacht, es zu tun. Kann die Pflanze seine Gedanken lesen?

Dies ist der Beginn fieberhafter Nachforschungen. Backster baut sein Labor um, und verwendet jetzt seine gesammte Freizeit für Pflanzen-Experimente. Dabei stellt er fest, daß er die heftigsten Reaktionen hervorruft, wenn er die Pflanzen bedroht. Der nächste Schritt ist das Mörderspiel. Fünf seiner Studenten müssen Zettel aus einem Hut ziehen. Auf einem der Schnipsel steht der Auftrag, eine von zwei nebeneinander stehenden Pflanzen zu "ermorden". Der ausgesuchte Pflanzenkiller reißt das Gewächs aus dem Topf, zerfleddert es, und trampelt auf dem Rest herum. Dann wird die zweite Pflanze an den Lügendetektor angeschlossen: Backster will herausfinden, ob sie bei einer "Gegenüberstellung" den "Mörder" identifizieren kann. Als der betreffende Student sich ihr nähert, zeigt die Überlebende eindeutig Angstgefühle. Bei weiteren Untersuchungen stellt Backster immer wieder fest, daß Pflanzen besonders sensibel auf jede Art von zellulärem Tod reagieren-nicht nur bei anderen Pflanzen, auch bei einzelligen Lebewesen, Amöben, Bakterien, besonders bei Tieren.

Schließlich ist er bereit, mit seinen Erkenntnissen an die Öffentlichkeit zu treten. Die Studie, die er 1968 unter dem trockenen Titel "Nachweis des primären Wahrnehmungsvermögens bei Pflanzen" publiziert, schlägt wie eine Bombe ein. Der Pflanzenforscher wird zu Fernsehshows und Diskussionsrunden eingeladen, verschiedene Universitäten wollen seine Versuche wiederholen. Backster ist der Mann der Stunde. Doch das Interesse hält nur wenige Jahre an. Nach der Zeit der Studentenrevolte, der Proteste gegen den Vietnamkrieg, und des Mißtrauens gegenüber der traditionellen Wissenschaft gewinnen Mitte der 70er Jahre wieder konservative Kräfte die Oberhand: Backsters "pseudowissenschaftliche" Experimente werden in der Luft zerrissen: "Das Fehlen jeglichen anatomischen Substrats macht Backsters Meinung unglaubwürdig. Nirgendwo im gesammten Pflanzenreich gibt es eine grobe anatomische Struktur, die dem komplexen Nervensystemeines Inseks oder gar eines Wurms auch nur nahe kommt."

Schwere Zeiten kommen auf Backster zu. Sogar seine Glaubwürdigkeit als Experte für Lügendetektor-Analysen wird jetzt bezweifelt. Im Gerichtssaal muß er sich von Anwälten der Gegenpartei über Pflanzenkommunikation befragen lassen-man zweifelt seine Urteilsfähigkeit an und versucht, ihn lächerlich zu machen. Streng wissenschaftlich betrachtet, waren Backsters Vorstellungen auch abzulehnen. Pflanzen besitzen weder Gehirn, noch ein Nervensystem. Woher also sollten die spontanen Reaktionen kommen, die der Lügendetektor registrierte?

Und dennoch hatte Cleve Backster eine Idee in die Welt gesetzt, die die Forscher weiter beschäftigte. Die Vorstellung nämlich, daß Pflanzen Organismen sind, die -wenn auch auf einer niedrigen Stufe- Empfindungen besitzen und in der Lage sind, zu kommunizieren: Eigenschaften, die man bislang nur Menschen und Tieren zugestanden hatte.

Erstaunlicherweise reagieren Pflanzen sogar auf narkotisierende Mittel, also Anästhetika. In Versuchen wurden die Mimose, die ihre Blätter bei Berührung spontan schließt, und die fleischfressende Venusfliegenfalle durch einen Hauch Äther oder Chloroform regelrecht eingeschläfert. Der Erste, der das herausfand, war Charles Darwin. Die Venusfliegenfalle wächst im Moorland von Nord- und Süd-Carolina (USA); Darwin nannte sie "die wundervollste Pflanze der Welt". Sie hat runde fleischige Blätter, die in zwei Hälften unterteilt und mit einer Reihe von Zähnen besetzt sind-ähnlich dem Gebiss eines Haifischs. Mit diesen Zähnen wird die Beute nicht etwa gebissen, sondern gefangen genommen. Jede Blatthälfte besitzt Fühlborsten; werden sie von einem Insekt berührt, schnappt die Falle zu: Die Zähne greifen ineinander und bilden ein Gitter, das Tier sitzt in einem Käfig fest. Bei seinen verzweifelten Befreiungsversuchen stößt es immer wieder gegen Fühlborsten, worauf die Falle sich noch fester schließt. Schließlich gibt eine Drüse eine Mischung aus Verdauungsenzymen in die Falle ab: das Insekt stirbt daran.

Die Venusfliegenfalle reagiert auf die Berührung ihrer Fühlborsten innerhalb von 0,3 Sekunden. Wäre sie langsamer, würde die Beute entwischen. Deshalb kam Darwin der Gedanke, daß die schnelle Bewegung der Pflanze alle Kennzeichen eines tierischen Nervenreflexes aufweist. Er gab ihr Chloroform, und tatsächlich verloren die Fühlborsten daraufhin ihre Berührungsempfindlichkeit vollkommen. Die Venusfliegenfalle war betäubt.

Da er nicht die notwendigen Geräte besaß, um seine Theorien zu überprüfen, schickte Darwin eine Reihe von Venusfliegenfallen an einen der berühmtesten medizinischen Physiologen der viktorianischen Zeit: Sir John Burdon-Sanderson. Der Engländer stellte in den folgenden fünfzehn Jahren eine Reihe von sorgfältigen Experimenten an, die keinen Zweifel daran ließen: Pflanzen erzeugen elektrische Signale. Doch am Ende des 19. Jahrhunderts waren konservative deutsche Forscher führend in der Wissenschaft. Sie bemängelten -wie Backsters Kritiker 1979-, daß Pflanzen kein Nervengewebe besäßen. So wurden die revolutionären Erkenntnisse des Engländers abgetan und und verschwanden aus dem Blickfeld der Forschung. Inzwischen erhärten neueste Untersuchungen Burdon-Sandersons damalige Theorie. Ähnlich wie Tiere über Nervensignale reagieren Pflanzen über elektrische Signale. An Stelle des Nervensystems besitzen sie offenbar eine Art elektrisches Reizleitungssystem.

Auch die Beweise, daß Pflanzen auf vielfache und zum Teil noch unerforschte Weise miteinander kommunitieren, häufen sich weltweit. So entdeckten die beiden US-Wissenschaftler David Rhoades und Gordon Orians Erstaunliches. Als Chemiker und Ökologen beschäftigten sie sich mit einem Phänomen, das in den Wäldern rund um Seatle auftrat: Ungefähr alle zehn Jahre wurden die Birken und Weiden von Schädlingen befallen; die Insekten fraßen gierig Blätter, verhungerten aber dennoch nach einiger Zeit, obwohl die Umgebung Nahrung im Überfluss bot.

Den Grund für den unerklärten Insektentod fanden die Wissenschaftler in Labortests: Die Bäume verwehrten sich ihrer Feinde, indem sie die Protein-Zusammensetzung ihrer Blätter so veränderten, daß die Insekten keine Bakterien mehr abwehren konnten, und schließlich an Proteinmangel eingingen.

Verblüffenderweise hatten auch Bäume, die weit entfernt standen und noch nicht von Schädlingen befallen waren, ihre Blattchemie verändert. Waren sie gewarnt worden? Und wenn - auf welchem Weg hatte diese Kommunikation stattgefunden? Ein Wurzelkontakt war auszuschließen. Die Bäume standen zu weit auseinander. Schließlich entdeckte man, daß die befallenen Bäume Ethylen freisetzten - dieses Gas informierte die anderen Bäume über die Gefahr.

Das interessanteste und fundierteste Buch über Pflanzenkommunikation hat den Titel "Der Ruf der Rose" und stammt von den Wissenschaftsjournalisten Dagny und Imre Kerner. Sie dolumentieren unter zahllosen Beispielen von Pflanzenkommunikation einen Fall, der sich in Südafrika ereignete. Mitte der 80er Jahre versetzte ein rätselhaftes Kudu-Sterben die Farmer in Aufregung. Kudus sind Antilopen, die von den Einheimischen wegen ihres wohlschmeckenden Fleisches und von den Touristen wegen ihrer gedrehten Hörner gejagt werden. Nachdem in Südafrika die Preise für Kudus gestiegen waren, begannen viele Farmer, die Tiere in einzuzäunten Gehegen zu halten. Doch plötzlich verendete ein Kudu nach dem anderen, ohne ersichtliche Ursache.

Der Zoologe Wouter van Hoven untersuchte den Mageninhalt der Antilopen: sie waren nicht an Wassermangel, Unterernährung, Parasiten oder Krankheiten gestorben. Was konnte dann den Tod ausgelöst haben? Auf des Rätsels Lösung kam man durch eine Beobachtung van Hovens, der im Krüger-Nationalpark das Verhalten von Giraffen studiert hatte. Dabei war ihm aufgefallen, daß die Tiere niemals länger als zehn Minuten von den Blättern ein und des selben Akazienbaums fraßen. Dann wechselten sie zu einem anderen Baum - und liefen dabei immer gegen die Windrichtung.

Das war den Kudus in den Gehegen nicht möglich: da die Zäune sie am Weiterziehen hinderten, fraßen sie weit länger von den Akazien, als in freier Wildbahn. Untersuchungen ergaben schließlich, daß die verstorbenen Kudus große Mengen des Bitterstoffs Tannin zu sich genommen hatten: Akazienbäume halten Fressfeinde fern, indem sie bei Gefahr die Tannin-Konzentration ihrer Blätter bis zu einer tödlichen Dosis steigern. Gleichzeitig setzen sie Ethylen frei, das der Wind zu den anderen Bäumen trägt, die daraufhin ebenfalls ihre Tannin-Produktion erhöhen.

Bis vor wenigen Jahren hätte die Frage, ob eine Pflanze "Schmerz" empfinden kann, bei Wissenschaftlern nichts als Hohngelächter ausgelöst. Doch mittlerweile hat man in vielen Pflanzen Jasmon-Säure gefunden: ein Hormon, das eng verwandt ist mit dem Hormon Prostaglandin, welches bei Menschen und Tieren die Schmerzempfindlichkeit erhöht. Darüber hinaus produzieren einige Pflanzen bei Verletzung oder Virenbefall vermehrt Salizylsäure - ein essenzieller Bestandteil von Aspirin. Die im Aspirin vorhandene Salizylsäure fängt Prostagladin ab, wirkt also Schmerzstillend. Pflanzen sind möglicherweise nicht nur empfindsamer als bisher angenommen, sie besitzen auch eine "Hausapotheke".

Noch faszinierender, jedoch bislang nicht bewiesen, ist die These, von Rupert Sheldrake, daß Pflanzenkommunikation innerhalb "morphogenetische Felder" stattfindet. Sheldrakes Ansätze sind höhst umstritten, bringen aber völlig neue und notwendige Dimensionen des Denkens in das zum Teil noch stark mechanisierte Weltbild vieler Wissenschaftler.

Der Biochemiker geht davon aus, daß die Natur Informations- und Gedächtnisfelder besitzt - eine Art kollektives Bewußtsein. Darin sind angeblich alle Informationen über die äußere Form der Lebewesen, übr ihr Verhalten, ihre Lernerfolge und anpassung an neue Situationen von Anbeginn aller Zeiten bis heute gespeichert. Zu diesem kollektiven Bewußtsein sollen auch die Pflanzen Zugang haben. Ein Beispiel dafür ist laut Sheldrake das Blühen der Bambus-Pflanze Phyllostachys bambusiodes. Seit 999 n.chr. weiß man, daß sie exakt alle 120 Jahre blüht - und zwar alle Pflanzen zur gleichen Zeit, egal, in welchem Erdteil sie wachsen.

Für die Fortpflanzung spielt die Blühte allerdings keine Rolle: Bambus vermehrt sich durch neue Sprossen am Boden. So wachsen und vergehen Generationen, ohne je eine Blüte getragen zu haben. Und die Pflanzen, die dann endlich blühen, sterben direkt nach der Entwicklung der Samen ab. Wie aber kann eine Bambuspflanze wissen, wann das 120ste, das Jahr der Blüte gekommen ist? Schließlich war die letzte Blüte nicht ihre eigene, sondern die eines längst kompostierten Vorfahren. Sheldrake glaubt, daß die Information über den Blütenzeitpunkt in den morphogenetischen Feldern, dem Gesammtgedächtnis der Pflanzen gespeichert ist.

Aufregend neue Beobachtungen machen auch Forscher des Schweizer Chemiekonzerns Ciber-Geigy. Heinz Schürch und seine Mitarbeiter experimentierten mit Pflanzen in elektrostatischen Feldern. Dies sind Spannungsfelder, in denen kein Strom fließt. In der Entwicklungsgeschichte der Erde verändert sich die elektrostatische Aufladung der Atmosphäre ständig; die Pflanzen passen sich den jeweiligen Bedingungen an. Unter künstlich erzeugten elektrostatischen Bedingungen, wie im Labor von Heinz Schürch, entwickelten sich einige Pflanzen zu ursprünglicheren Wildformen.

Die Forscher setzten Pflanzenkeime zwischen zwei Aluminiumplatten, an die Gleichstrom angeschlossen wurde. Einige Maiskeime im elektrostatischen Feld "erinnerten" sich daran, daß sie zu den Grasarten gehören, die immer fünf oder sieben Rispen aufweisen. Statt des hochgezüchteten heutigen Maises, der nur zwei große Kolben trägt, brachte der Mais des Forschungsteams aus sieben Rispen bis zu vierzehn, allerdings kleine Maiskolben hervor.

Auch aus Weizenkörnern entwickelten sich vereinzelt Wildformen. An ihnen fanden sich mehrere Triebe, die unerwartet schnell reiften. In den Trieben entdeckten Schürch und seine Mitarbeiter Proteine, offensichtlich Wachstumshormone, die der heutige Weizen nicht besitzt. Könnte man dies Ur-Weizenart mit unserem Weizen kreuzen, würde möglicherweise ein schnell wachsendes und robustes Getreide heranreifen, das keine Pestizide benötigt, weil es geerntet werden kann, bevor die Schädlinge ausgewachsen sind. Noch verblüffter waren die Forscher jedoch, als sich im elektrostatischen Feld aus den Sporen eines gefiederten Wurmfarns eine ursprünglichere Form des Farns entwickelte, nämlich ein nicht gefiederter Hirschzungenfarn. Aus dessen Spore entwickelten sich verschiedenste Formtypen des Farns, auch wieder die gefiederten. Das Rätsel: Der ursprünglichere nicht gefiederte Farn besitzt einen Satz von 36 Chromosomen, der gefiederte einen von 41 Chromosomen - wie aber kann ein 36er-Chromosomensatz einen wesentlich höheren Chromosomensatz hervorbringen?

Sind die gesammten Informationen eines Organismus vielleicht doch nicht nur in der DNS gespeichert, wie bisher angenommen? Verfügt die Natur vielleicht doch über ein Gesammtgedächtnis, dessen Informationen tatsächlich in elektromagnetischen, morphogenetischen oder wie auch immer gearteten Feldern abgelegt sind, über deren Beschaffenheit wir bisher noch keinerlei Aussage treffen können? Dann würde Sheldrakes Theorie zumindest die Richtung weisen.

Bei den Naturvölkern gab es immer Menschen, die in der Lage waren, mit Pflanzen zu kommunizieren. Ein Beispiel aus der westlichen Welt ist Dorothy Maclean. Die Kanadierin hatte in den 60er Jahren die Lebensgemeinschaft von Findhorn in Schottlend mitbegründet. Findhorn wurde durch seinen "Zaubergarten" berühmt - auf dem unwirtschaftlichen, sandigen Boden an der schottischen Nordküste wuchsen nicht nur alle Gemüsesorten, sondern auch exotische Blumen, was selbst Agrarexperten in Erstaunen versetzte. Die medial veranlagte Kanadierin hatte sich in den "Geist der Pflanzen" hineinversetzt, und nach deren Anweisungen den Garten anlegen lassen.

Noch heute hält sie Vorträge, denn sie glaubt, daß jeder Mensch die Kommunikation mit Pflanzen erlernen kann, sofern er ihnen mit Offenheit und Liebe begegnet. Die wichtigste und dringenste Botschaft, die sie angeblich immer wieder aus dem Pflanzenreich erhält, ist die der großen, alten Bäume: Wer sie zerstört, zerstört auch die Kraft der Erde. Diese Bäume, erklärt Maclean, seien wie riesige Antennen, die Energie aus dem Kosmos zur Erde leiten. Junge Bäume könnten diese Aufgabe nicht übernehmen.

Menschen mit dem "grünen Daumen" haben nie daran gezweifelt, daß Pflanzen für Zuwendung und Gefühle empfänglich sind. Die Inder im Bundesstaat Goa wissen, daß eine Kokospalme, die geschlagen wird, keine Kokosnüsse mehr produziert. 100 Zuschauer der WDR-Sendung "Hier und Heute" erhielten für einen Test Tomatenpflanzen geschenkt. Nach zwei Jahren ergab die Auswertung, daß Hobbygärtner mehr Ertrag erzielten, wenn sie mit ihren Pflanzen geredet hatten.

Bis wir den Code der Kommunikation im Pflanzenreich geknackt haben, dürfte wohl noch eine lange Zeit vergehen. Denn der Faktor "Liebe, Zuwendung und Einfühlungsvermögen" hat in der Wissenschaft noch keinen Stellenwert.

Internetadressen:
Praxisseminar Pflanzenseele:
http://user.cs.tu-berlin.de/~leonardo/pflanze.html

The Findhorn Foundation:
http://www.findhorn.org

Quelle: von Sabine Korte (P.M. September 1999)

Pflanzen können sehen, hören, fühlen

Was wäre, wenn Pflanzen Nerven hätten? Würde Gras Schmerzen empfinden, wenn wir es mähen? Pflanzenneurobiologen wollen Pflanzen mit unterentwickelten Tieren gleichsetzen. Traditionelle Botaniker fürchten um ihren Ruf. stern.de über einen hitzigen Streit unter Wissenschaftlern.

Was passiert, wenn man eine rohe Kartoffel in der Mitte zerteilt? Erstmal nichts. Aber wenn man nach wenigen Tagen noch mal hinguckt, dann hat die Kartoffel an der Schnittstelle eine neue Haut gebildet. Eine Wundverschließung also wie wir sie auch von uns selbst kennen, wenn unsere Haut beispielsweise aufgeschürft ist? "Jede Pflanze, die man abhackt, schließt ihre Verwundung ab", sagt Dieter Volkmann, emeritierter Professor vom Institut für Zelluläre und Molekulare Biologie der Universität Bonn, räumt aber sofort ein: "Das bedeutet nicht, dass die Pflanze Schmerz empfindet wie wir. Schmerzrezeptoren haben wir bei Pflanzen noch nicht entdeckt." Andere Vergleiche zwischen Mensch und Pflanze gehen Dieter Volkmann hingegen leicht über die Lippen. "Pflanzen können sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen", sagt er und macht dann eine kurze Pause, weil er weiß, dass diese These nicht so leicht zu verdauen ist: "Das habe ich schon vor 20 Jahren gesagt, und damit großes Aufsehen erregt."

Verfügen Pflanzen über Nerven?

Die Gemüter sind immer noch nicht abgekühlt. Im Gegenteil, die Debatte um die möglicherweise menschen- beziehungsweise tierähnlichen Wahrnehmungen von Pflanzen wird hitziger denn je geführt. Traditionellen Botanikern stehen die Haare zu Berge, wenn sie hören, was Dieter Volkmann und 120 Fachkollegen aus Europa, Asien und Amerika über die Fähigkeiten von Grünzeug herausgefunden haben wollen. Ihre Forschungsergebnisse haben sie bei einem mittlerweile zum dritten Mal stattgefundenen Symposium ausgetauscht. Die Sache ist also ernst, wie auch das von den experimentierfreudigen Wissenschaftlern neu initiierte Fachmagazin "Plant Signaling and Behaviour" (PSB) beweist. Damit nicht genug: Vor drei Jahren gründeten der Elektrophysiologe Stefano Mancuso aus Florenz und der Zellularbiologe Frantisek Baluska von der Universität Bonn die Gesellschaft für Pflanzenneurobiologie.

Neurobiologie? Heißt das, Pflanzen verfügen sogar über ein Nervensystem? "Pflanzen haben keine Nerven im Sinne wie sie der Mensch hat, aber es gibt eine ganze Reihe von Forschungsergebnissen, die durchaus vergleichbare Strukturen nahe legen", ist sich Dieter Volkmann sicher. "Pflanzen haben Leitbahnen in denen elektrophysiologische Signale beispielsweise vom oberirdischen Teil zum unterirdischen Teil geleitet werden. Diese Signalübertragung ist um den Faktor 1000 langsamer als bei Nerven." Bei seinen Gegnern löst der Forscher damit eine Tsunami-Welle der Empörung aus. "Kompletter Unsinn", wettert unter anderem David Robinson vom Heidelberger Institut für Pflanzenwissenschaften. Er verweist darauf, dass es keinerlei wissenschaftliche Grundlage für eine solche Behauptung gebe. Einige Botaniker würden mittlerweile um den guten Ruf der Branche bangen, sollten sich die Pflanzenneurobiologen mit ihren Thesen weiter aus dem Fenster lehnen.

David Robinson gelang es vor ein paar Monaten, 32 Kollegen zusammenzutrommeln. In einem gemeinsamen Brief im Fachblatt "Trends in Plant Biology" argumentieren die Wissenschaftler ausführlich gegen die Erkenntnisse der Pflanzenneurobiologen. In dem Schreiben heißt es unter anderem, zwischen Tier- und Pflanzenreich gebe es auf molekularer Ebene zwar Parallelen, und es existierten auch mögliche Hinweise auf pflanzliche Substanzen, die wie Neurotransmitter wirkten. Auch würden Signale über größere Entfernungen versendet und empfangen. Aber, so die Botaniker weiter: "Bei Pflanzen gibt es auf keinen Fall vergleichbare Strukturen auf der Ebene der Zellen, der Gewebe oder der Organe."

"Diese dämliche Idee stirbt bald aus"

Die Fraktion der Gegner vermutet starke finanzielle Interessen. "Diese Leute wollen nur Aufmerksamkeit erzeugen, um Geldgeber an Land zu ziehen", meint David Robinson, ist sich aber sicher: "Diese dämliche Idee stirbt bald aus und ist dann weg vom Tisch." Doch wer Dieter Volkmann weiter zuhört, merkt schnell, dass sich die Pflanzenneurobiologen nicht so schnell geschlagen geben: "Wir wehren uns dagegen, dass man uns durch Stimmungsmache mundtot machen will." Man könne Wissenschaft nicht betreiben, indem man sich an Dogmen klammere und neue Thesen verbiete. Das erinnere ihn an einen Streit vor rund 80 Jahren, als das Hormon Auxin in Pflanzen entdeckt wurde. Das Geschrei sei damals groß gewesen, Hormone kämen bei Pflanzen nicht vor. Heute spreche man wie selbstverständlich von Pflanzenhormonen.

"Wo bleibt diesmal die Neugierde meiner Kollegen?", wundert sich Volkmann. Für ihn jedenfalls steht fest: eine Neubewertung von Pflanzen sei angesichts vieler neuer Erkenntnisse dringend notwendig. Leider reiche das bisherige Vokabular nicht aus, um die pflanzlichen Vorgänge zu beschreiben. Deshalb müsse man auf Begriffe aus der Tier- und Menschenwelt zurückgreifen, die aber keinesfalls eins zu eins verstanden werden dürften. Doch: die Nähe von Pflanzen zu unterentwickelten Tieren dürfe "durchaus vermutet" werden.

Weintrauben mögen klassische Musik

In ihren jüngsten Forschungen konnten Pflanzenneurobiologen laut Volkmann zeigen, dass Weintrauben, die regelmäßig mit klassischer Musik beschallt wurden, größere und süßere Früchte trugen. Der italienische Kollege Stefano Mancuso habe weiter nachgewiesen, dass sich die Pflanzenwurzeln von Maiskeimlingen zu einer Tonquelle hinwenden und bei höheren Frequenzen schneller wachsen. "Die Pflanze hat natürlich keine Ohren, aber auf der molekularen Ebene vermutlich eine sehr ähnliche Ausstattung, die es ihr erlaubt, unterschiedliche Frequenzen wahrzunehmen", erklärt Volkmann. Bei tieferen Frequenzen beispielsweise, etwa bei Popmusik, würden sich Pflanzen sogar abwenden. Natürlich ist auch das ein gefundenes Fressen für die Kritiker. "Mit diesen Thesen wird der Esoterik Tür und Tor geöffnet", schimpft Elmar Hartmann, Pflanzenphysiologe an der FU Berlin. Es gebe keinen Grund, warum Pflanzen ein Gehör entwickeln sollten. "Was nützt es Pflanzen, wenn ein Rudel Wölfe vor ihnen steht und sie anheult? Sollen sie dann samt Wurzelwerk weglaufen?" Elmar Hartmann plädiert dafür "eine Pflanze eine Pflanze sein zu lassen": "Ist denn die Welt der Flora nicht faszinierend genug?"

Längst erforscht ist die Kommunikation unter Pflanzen, wie Dieter Volkmann sagt: "Tabakpflanzen zum Beispiel warnen sich gegenseitig via Duftstoffe vor Fressfeinden. Sie produzieren vermehrt Nikotin, um ihre Feinde zu töten." Die Kommunikation laufe unterirdisch ab, also im Wurzelbereich. Dort soll auch, wie Pflanzenneurobiologen vermuten, ein koordinierendes System existieren. Immerhin empfangen Pflanzen ein gutes Dutzend Umweltsignale, unter anderem Licht, Wind, Temperatur, Bodenstruktur und Feuchtigkeit - und reagieren darauf. "Wir behaupten natürlich nicht, die Pflanze habe ein Gehirn", wendet Volkmann ein. "Aber es muss ein System geben, dass es der Pflanze ermöglicht, alle Signale in Überblick zu bekommen und darauf zu antworten." Die Idee eines Wurzelwerks mit Grips ist nicht neu. Charles Darwin mutmaßte bereits im Jahr 1882: "Die Spitze der Wurzel agiert wie das Gehirn eines der niedrigen Tiere."

Wie hitzig die Debatte auch geführt werden mag, sie ist, so oder so, ein Plädoyer für die Achtung des Menschen vor der Natur. Sowohl Volkmann als auch Hartmann sagen: "Macht euch die Erde untertan, ist einer der blödesten Sprüche, die je in Umlauf gebracht wurden. Wir sehen doch alle die Folgen: die Erde geht kaputt dabei."

Quelle: stern.de Sylvie-Sophie Schindler November 2007

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