Tierversuche: „Kriminelle Idiotie“

Interview mit Helmut F. Kaplan

Quelle: Website von Helmut F. Kaplan

Hinweis: Dieses Interview sollte ursprünglich als TV-Aufzeichnung für Alpenparlament.TV (www.alpenparlament.tv) realisiert werden. Da das Gespräch aus organisatorischen Gründen nicht zustande kam, wurden die Fragen schriftlich beantwortet.

Herr Dr. Kaplan, wann haben Sie begonnen, sich mit dem Thema Tierrechte bzw. Tierethik zu befassen und warum?
Das war auf alle Fälle vor 1963, in diesem Jahr wurde ich nämlich aus ethischen Gründen Vegetarier. Mich verstörten die toten Tiere, die ich in den Geschäften und beim Transport dorthin öfter sah. Ich hatte das immer stärker werdende Gefühl: Hier läuft irgendetwas fürchterlich falsch.

Was bedeutet denn Ethik eigentlich und warum werden Tiere anscheinend aus der Ethik ausgeschlossen?
Während Moral die Richtlinien einer Person oder Gruppe bezeichnet, versteht man unter Ethik die kritische, rationale Auseinandersetzung mit Moral. Tiere kommen in ethischen Überlegungen durchaus seit langem vor, etwa bei Pythagoras, Bentham oder Schweitzer. Eine Tierethik im Sinne explizit rationaler Ansätze, in denen Tiere eine zentrale Rolle spielen, gibt es allerdings erst im 20. Jahrhundert: seit Peter Singers Buch "Animal Liberation". Als Ursachen für diese lange "Anlaufzeit" sehe ich zweierlei: Erstens die jahrtausendelange Vermischung von Philosophie, Religion und dem, was heute unter dem Terminus "Esoterik" läuft. Zweitens, daß den Menschen erst jetz t langsam bewußt wird, was Darwin vor 150 Jahren erkannte: daß Menschen und Tiere das Produkt EINER Evolution sind und die ethische Relevanz der Tiere daher entspechend groß ist bzw. sein sollte.

In vielen Ländern, darunter Österreich, Deutschland und der Schweiz, gibt es Tierschutzgesetze. Was darin geschrieben steht, nämlich das Verbot, Tieren Leid oder Schmerz zuzufügen, geschweige denn sie zu töten, deckt sich mit ethischen Bestrebungen. Allerdings gibt es eine Ausnahmeregelung die eine Tiertötung aus vernünftigem Grund erlaubt. Welchen Sinn haben da Tierschutzgesetze?
Offensichtlich kaum einen: Es gibt, insbesondere bei Tierversuchen, nämlich de facto keine Grausamkeit, die Tieren NICHT zugefügt würde - trotz Tierschutzgesetzen!

Wo liegt der Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrecht?
Tierschützer halten die Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke für grundsätzlich legitim, plädieren jedoch für einen möglichst "humanen" Umgang mit Tieren. Tierrechtler verurteilen hingegen die Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke grundsätzlich. Um den Unterschied am Beispiel Fleischessen zu veranschaulichen: Tierschützer propagieren eine "humane" Fleischproduktion, Tierrechtler lehnen Aufzucht und Tötung von Tieren für menschliche Ernährungszwecke grundsätzlich ab.

Seit wann gibt es einen solch "schäbigen" Umgang mit Tieren ? Wie ist es dazu gekommen, daß Tiere "nichts wert" sind?
Diesen "schäbigen" Umgang mit Tieren gibt es wohl seit jeher. Denn grausam waren die Menschen ja zu allen Zeiten auch UNTEREINANDER, man denke nur an Sklaverei, Gladiatorenkämpfe usw.! Und die "moralischen Leitplanken", die gegen die diversen menschlichen Bösartigkeiten errichtet wurden, dienten fast ausschließlich der Eindämmung der Grausamkeit gegenüber den Mitmenschen.

Wie rechtfertigt man Grausamkeiten und Leid, die mit Tierversuchen in Zusammenhang stehen?
Gute Frage! Ein Beispiel: Beim UTILITARISMUS geht es darum, die Interessen aller Betroffenen zu maximieren: Richtig ist jene Handlung, die für alle am meisten Glück bzw. am wenigsten Leiden bringt. Es geht also ums Allgemeinwohl. Beim RECHTE-Ansatz geht es hingegen darum, die Ansprüche von Individuen genau vor solchen Interessenmaximierungen im Sinne des Allgemeinwohls zu schützen. Im Konfliktfall zwischen Allgemeinwohl und Individualrechten fungieren die Individualrechte quasi als Trumpfkarte. MENSCHENVERSUCHE sind nun verboten, weil Menschen solche Individualrechte hätten, die das Allgemeinwohl "ausstechen". TIERVERSUCHE werden hingegen unter Hinweis auf das Allgemeinwohl gerechtfertigt! Also: Individualrechte für Menschen, Utilitarismus für Tiere. Für dieses willkürliche Messen mit zweierlei Maß gibt es keinerlei ethische Rechtfertigung.

Warum?
Unter anderem, weil kein moralisch relevantes Merkmal - etwa Bewußtsein, Selbstbewußtein, Rationalität, Autonomie - entlang des Speziesgrenze Menschen - Tiere verläuft. Mehr noch: Es gibt Menschen, z. B. viele Senile und Demente und alle kleinen Kinder, bei denen diese Merkmale WENIGER ausgeprägt sind als bei vielen Tieren.

Sollte man Tierversuche also sofort verbieten?
Ja, das sieht man auch schnell, wenn wir auch Tierversuche zunächst einmal so betrachten, wie wir auch alle anderen moralischen Fragen zunächst einmal betrachten: nicht aufgrund irgendwelcher komplexer Theorien, sondern aufgrund einfacher moralischer Prinzipien oder Intuitionen. Dann erkennen wir: Es kann nicht richtig sein, jemanden zu etwas zu zwingen, das er überhaupt nicht will, das ihm fürchterlich weh tut und das ihn objektiv schädigt - nur weil er sich nicht wehren kann! Oder: Stellen Sie sich vor, uns überlegene Außerdische kommen auf die Welt und machen mit uns, was wir mit Tieren machen. Würden wir das als moralisch gerechtfertigt betrachten?

Haben Tiere ein Seelenleben?
Selbstverständlich! Das Leben hat sich kontinuierlich entwickelt und die Merkmale der Lebewesen variieren kontinuierlich. Deshalb sind auch die üblichen Alles-oder-nichts-Zuschreibungen der Art, nur Menschen hätten diese oder jene Fähigkeiten, in aller Regel unsinnig. Das gilt auch für das Seelenleben. Darwin sagte: "Wie groß auch der Unterschied zwischen den Seelen der Menschen und der höheren Tiere sein mag, er ist doch nur ein gradueller und kein prinzipieller." Und Konrad Lorenz meinte zu Recht, daß Menschen, die NICHT davon überzeugt seien, daß höhere Tiere ähnlich wie wir erleben, in die psychiatrische Klinik gehörten, weil eine Schwäche der Du-Evidenz sie zu "gemeingefährlichen Monstern" mache.

Kann man auf Grund der Behandlung von Tieren Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen schließen, bzw. wie er mit anderen Lebewesen, so auch mit seinen Mitmenschen, umgeht?
Es gibt eine Reihe von bekannten Aussagen, die einen solchen Zusammenhang behaupten. "Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt", sagte Gandhi. Und Tolstoi: "Solange es Schlachthäuser gibt, so lange wird es Schlachtfelder geben." Viele empirische Daten, insbesondere der Kriminalpsychologie, belegen einen solchen Zusammenhang. Allerdings gibt es auch "gegenläufige" Phänomene, etwa Tierexperimentatoren und andere Tierquäler, die nicht nur liebevolle Väter sind, sondern sich auch für fremde Menschen engagieren. Eine Erklärung hierfür könnte sein: Aufgrund der jahrtausendelangen abendländischen speziesistischen Tradition werden Tiere in hohem Maße als moralisch weniger wichtig betrachtet. Und diese Minderbewertung wirkt sich wohl auch auf unser Mitleid aus: Wenn Tiere moralisch weniger wichtig sind, dann ist auch ihr Leiden nicht so wichtig und unser Mitleid weniger berechtigt, weniger "notwendig". Diese diffuse mitleidmindernde Wirkung diffuser weltanschaulicher bzw. religiöser Vorstellungen ist umso stärker, als die moralische Minderbewertung von Tieren ja traditionell "garniert" wird mit faktischen Fehlinformationen über das Leiden und die Leidensfähigkeit von Tieren.

Es gibt die Bezeichnung: "humaner Umgang" mit Tieren. Der Begriff bedeutet u.a. friedfertig, gut, sozial, etc. Auf der anderen Seite ist der Mensch das einzige Lebewesen, das so viel Leid hervorruft.
Daß "human" sowohl "menschlich" als auch "mitfühlend" bedeutet, ist in der Tat unfreiwillig komisch - oder zynisch.

Warum ist es beim Tierschutz wichtig, Tiere in Bezug zum Menschen zu stellen? Ist der Mensch nur mitfühlend, wenn man die Parallelen eines Tieres zum Menschen herausarbeitet?
Der Nachweis der Ähnlichkeit mit uns ist in der Tat so ziemlich die einzige Methode, um Menschen dazu zu bringen, Tiere einigermaßen ordentlich zu behandeln. Nur einen Maßstab zu kennen und sich obendrein selbst zum Maßstab zu machen, ist natürlich ein intellektuelles Armutszeugnis. Zumal uns viele Tiere im Hinblick auf viele Merkmale ja weit übertreffen.

Was ist Ihrer Ansicht nach ein tiergerechtes Leben? Können die Menschen mit Ihrer Lebensweise, Städte etc., Tieren überhaupt ein tiergerechtes Leben bieten?
Da muß man differenzieren: Einer Katze kann man gewiß in einer Stadtwohnung ein tiergerechtes Leben bieten, einer großen Schlange eher nicht. Entscheidend ist , daß man sich über die Bedürfnisse der betreffenden Tiere informiert und dann IN IHREM SINNE entscheidet.

Welche Rechte sollte man Tieren geben, welche Gesetze erlassen?
Im Sammelband "Menschenrechte für die Großen Menschenaffen" fordern Paola Cavalieri und Peter Singer das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und den Schutz vor Folter. Das ist, denke ich, eine gute Orientierung. Grundsätzlich sollte bei der Konkretisierung im Hinblick auf bestimmte Spezies dann einfach gelten: Alle Tiere sollten so leben können, wie es den Interessen, die sie haben, entspricht. Dementsprechend sollten dann die Gesetze formuliert werden.

Eine weitere Schwierigkeit beim Thema Tierversuche ist, daß das Recht auf Forschungsfreiheit und das Tierschutzgesetz aufeinander treffen.
Die Sache ist glasklar: So wenig Menschenrechte und Forschungsfreiheit an Menschen zusammenpassen, so wenig passen Tierrechte und Forschungsfreiheit an Tieren zusammen. Diese Kombination ist eine kriminelle Idiotie. Tiere müssen als Forschungsobjekte genauso tabu sein wie Menschen.

Aber welche Alternativen gibt es zu Tierversuchen?
Bei dieser Frage geistert die These durch die Köpfe, es müßten auf alle Fälle alle für den Menschen möglichen Vorteile gefunden und genutzt werden. Daraus resultiert die völlig falsche Fragestellung: Wieviel Gesundheit können wir MAXIMAL erzeugen? Die richtige Frage lautet aber: Wieviel Gesundheit können wir AUF ETHISCH ZULÄSSIGE WEISE erzeugen?

Wie gehen die Medien mit dem Thema Tierversuche um?
Da ist eine interessante Entwicklung zu beobachten. Die Fleischindustrie wirbt immer offener, ja "mutiger" für ihre Produkte: Dem Konsumenten ist völlig klar, daß er einst lebende Tiere ißt, denn gerade damit wird geworben: angeblich artgerechte Aufzucht, kurze Transportwege usw. Die Tierversuchsindustrie agiert hingegen immer verschlossener. Beide Strategien spiegeln sich in den Medien wider.

Wie steht die Öffentlichkeit dem gegenüber?
Sie agiert so, wie es die Medien vorgeben: Über Fleischessen wird geredet, über Tierversuche wird geschwiegen. Einen eindruckvollen Beleg für die Dominanz der Medien lieferte der Bestseller "Tiere essen": Dieses Buch löste - via Werbung - eine absolut artifizielle Debatte über das Fleischessen aus, der keinerlei echter Diskussionsbedarf in der Bevölkerung entsprach. Dementsprechend essen die Leute genauso weiter wie bisher.

Ist es möglich, sich über Tierversuche zu Informieren?
Ja, zum Beispiel bei www.datenbank-tierversuche.de: Da können Sie genau nachsehen, wo wer wann welche Tiere wie foltert.

Was kann jeder einzelne tun?
Zuerst sollte man sich über die grundlegenden Zusammenhänge klar werden. Zum Beispiel darüber, daß Fleischessen und Tierversuche Manifestationen EINES UNGEISTS sind, nämlich der Mißachtung von Tierrechten. Wer dies erkennt, wird diverse Verharmlosungs- und Verschleierungsversuche im Hinblick auf bestimmte Tierrechtsverletzungen eher erkennen. Etwa, daß das Essen von Fleisch in Ordnung sei, wenn es "bio" ist oder daß Tierversuche zulässig seien, wenn sie "notwendig" sind.

Kein Menschenhirn in Affenköpfe!

Die "Frankenstein-Furcht" kommt nicht zu kurz: Eine britische Kommission schlägt nun Regeln für die Produktion von Chimären Mischwesen aus Mensch und Tier vor und will etwa "Kafkas Tiere" verboten sehen.

In den Mythen verbreiteten Chimären Mischwesen aus Mensch und Tier oder aus mehreren Tieren meist Angst und Schrecken, das war bei der Sphinx nicht anders als bei den Harpyien. Aber ausgerechnet bei der Urchimäre zeigt sich ein mehrdeutiges Bild: Die feuerspeiende Chimaira hatte drei Köpfe, den eines Löwen, den einer Ziege und den einer Schlange, der war hinten am Schwanz, das Monster war rundum wehrhaft. Getötet wurde es schließlich von oben mithilfe des geflügelten Pferdes Pegasus: einer Chimäre.

Maus mit Downsyndrom

Das sind alte Mären, aber sie kehren wieder, der Mensch hat die Sache in die Hand genommen und baut selbst Chimären. Sie heißen nur meistens nicht so, sondern "Tiermodelle": Man transferiert Gene und/oder Gewebe des Menschen in Tiere, vor allem Mäuse, um an ihnen Krankheiten zu studieren oder Medikamente zu testen, eine Maus trägt etwa das gesamte Chromosom, welches das Downsyndrom bringt; man hat Ziegen und Schafe mit menschlichen Genen ausgestattet, auf dass sie in der Milch therapeutisch nutzbare menschliche Proteine produzierten; man fusioniert in Stammzell-Experimenten Eizellen von Kühen mit dem Genom des Menschen.

All das geschieht in bester Absicht, diese Chimären gehören in die Abteilung "Pegasus". Dazu sollte natürlich auch eine zählen, die Irving Weissman (Stanford) im Jahr 2000 im Gedankenexperiment entwarf, die "Maus mit dem Menschengehirn": Sie sollte nicht nur einzelne menschliche Neuronen erhalten, sondern ein Gehirn nur aus menschlichen Zellen. Weissman erhielt auch die Zustimmung der Ethikkommission von Stanford, die das Experiment im Auge behalten und dann abbrechen wollte, "wenn wir Zeichen menschlicher Hirnstrukturen sehen oder wenn die Mäuse menschenähnliches Verhalten zeigen". Das Experiment wurde bis heute nicht durchgeführt, zumindest hat man nichts davon gehört.

Aber der Antrag zeigte, dass es außer der Ethikkommission keine Regelungen gab, manche Forscher forderten diese, weil sie fürchteten, dass Weissmans Kreatur "menschenähnliche kognitive Fähigkeiten entwickelt, die für ihren (der Kreatur) moralischen Status relevant sind". Solche Vorstöße kamen periodisch, nun ist es wieder so weit, eine Kommission in England dort ist die Biotechnik besonders weit und die Experimentierfreudigkeit besonders hoch hat den Chimären einen passenden Namen gegeben ACHM, "animals containing human material" und Regeln empfohlen: Demnach soll die übergroße Mehrheit der Chimären Mäuse mit eingebauten menschlichen Tumoren etwa, an denen Krebsmittel getestet werden nur den allgemeinen Regeln aller Tierversuche unterliegen; eine "begrenzte Zahl" soll im Einzelfall genehmigungspflichtig werden.

Das gilt für alle Chimären auf der Basis von Mäusen, die im Gehirn oder im Körper "menschenähnlich" werden könnten, etwa in der "Gesichtsform, der Hauttextur oder der Sprache". Das sind keine Hirngespinste, man hat Mäusen schon unser "Sprachgen" eingebaut sie fiepsten dann anders , man will Tieren das Fell nehmen und sie mit Haut ausstatten, um deren Leiden zu studieren; man denkt an eine Veränderung der Pfoten, etwa den Einbau eines Fingers, der funktioniert wie der Daumen.

Frankenstein-Furcht

All das könnte durchgehen, tabu hingegen soll dreierlei bleiben: der Einbau von menschlichen Keimzellen (Eizellen, Sperma) in Tiere; der Bau von Embryos aus Mensch und überwiegend Tier (der mit überwiegend Mensch ist in Großbritannien für Zwecke der Stammzellforschung erlaubt); und der Horror des Horrors "Kafkas Tiere", Gregor Samsa, der sich im Körper eines Käfers wiederfindet, und der Affe, der einen "Bericht für eine Akademie" abliefert. Ihnen widmet die Kommission ein eigenes Kapitel, auch die "Frankenstein-Furcht" kommt nicht zu kurz: Deshalb dürfen nicht so viele menschliche Hirnzellen in ein Affenhirn, dass es sich so modifizieren könnte, dass es "menschenähnliches Verhalten" zeigen würde (acmedsci.ac.uk).
Quelle: Die Presse.com v. 22.07.2011 - Von Jürgen Langenbach

Kein Test ohne Schmerzen

Tierexperimente werden von der Gesellschaft still geduldet. Trotzdem bemühen sich Forscher um Möglichkeiten, auf Tierversuche zu verzichten. Geht das überhaupt?

Gegen das Essen von Tieren hat er wenig einzuwenden. Überhaupt findet Jeremy Bentham gute Argumente dafür, Tiere zu töten: Der Tod durch Menschenhand, meint er, beschere Tieren ein schnelleres und damit in der Regel ein weniger schmerzhaftes Ende, als es das Schicksal der Tiere in der freien Natur bereithalte. Es ist dem Mann in der Sache nicht einmal bedeutsam, ob gefiederte, beflosste oder vierbeinige Lebewesen denken und sich mitteilen können. Für Bentham lautete die entscheidende Frage stattdessen schlicht: Können Tiere leiden?

Vieles daran ist bemerkenswert. Zum einen stellt der englische Jurist und Sozialreformer diese folgenschwere Frage beiläufig anmutend in einer Fußnote seiner Introduction to the Principles of Morals and Legislation. Zum anderen stellt er sie zu einer Zeit, da Charles Darwin noch nicht einmal Experimente im Geräteschuppen des Internats von Shrewsbury unternimmt er ist noch gar nicht geboren. Die Entstehung der Arten mit all ihren Implikationen für die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Mensch und Tier, für Moralbegriff und Weltbild, das alles ist noch sieben Jahrzehnte hin, als Bentham im Jahr 1789 feststellt, dass die Quälerei von Tieren, wie sie damals etwa der Schweizer Mediziner Albrecht von Haller ungerührt in seinen wissenschaftlichen Werken beschreibt, jeder moralischen und rechtlichen Grundlage entbehrt. (Haller hatte im 18. Jahrhundert zum Beispiel die Kniegelenkskapsel einer Katze mit hochätzender Schwefelsäure gefüllt und erfreut berichtet, dass das Tier erst verrückt vor Schmerz geworden sei, nachdem die Chemikalie den "Nerf" erfasst hatte.)

Methodisch hohes Niveau

Das Konzept dürfte insbesondere für die Erforschung neuer Wirkstoffe wie Herzmedikamente interessant werden, mit denen man dann nicht mehr zuerst eine Armada von Labornagern bombardieren müsste, um herauszufinden, ob das neue Präparat überhaupt die Funktion von lebenden Herzmuskelzellen verbessert. Oder: Gerade haben Forscher der am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ansässigen "Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch" (deutlich kürzer: ZEBET) im Fachjournal Nature Protocols ein bereits validiertes Verfahren vorgestellt, mit dessen Hilfe sich die embryotoxische Wirkung von Substanzen anstatt an lebenden Mäusen in vitro, also an embryonalen Mausstammzellen testen ließe.

Derlei Tests finden bisher allerdings nicht immer und auch nicht auf allen Gebieten der Wissenschaft Anwendung, und das hat vielschichtige Ursachen. An mangelndem Interesse liegt es nach Aussage vieler Forscher jedenfalls nicht: Auch Verfechter der experimentellen Arbeit mit Tieren wie der von Tierrechtlern heftig kritisierte und stets im öffentlichen Diskurs engagierte britische Neurologe Colin Blake more unterstreichen, dass ihnen das Schicksal der Tiere nicht gleichgültig ist.

"Je länger ich mit Tieren arbeitete, desto unwohler fühlte ich mich dabei", sagt Blakemore, der an der University of Oxford lehrt. Und er sieht sich nicht allein. "Ich kenne keinen einzigen Wissenschaftler, der nicht lieber alternative Möglichkeiten nutzen würde, sofern sie denn verfügbar wären." An dem letzten Punkt hängt jedoch viel: Die Forschung hat über die vergangenen Jahrzehnte methodisch längst ein Niveau erreicht, auf dem der Austausch etablierter Versuchssysteme gerade in der Gen-, Krebs- oder Hirnforschung gegen tierversuchsfreie Verfahren nicht nur schwierig bis unmöglich ist, sondern immer auch einen Verlust an Aussagekraft bedeutet. So gilt selbst der Draize-Test, der längst durch alternative Protokolle ohne lebende Tiere ersetzt worden ist, in seiner Empfindlichkeit immer noch als überlegen. Was direkt zu der ketzerischen Frage führt, inwieweit eine auf Fortschritt gebaute Gesellschaft überhaupt bereit ist, um der lieben Tiere Willen auf neue Erkenntnisse zu verzichten bis Computersimulationen, Zellmodelle oder biochemische Tests so weit entwickelt sind, dass auch schwierige Fragestellungen nicht am lebenden Wesen geklärt werden müssen.

Verbrauchen statt Quälen?

Bemerkenswert ist nicht zuletzt, dass Benthams Gedanke eineinhalb Jahrhunderte lang beinahe in Vergessenheit geriet und sich seit den späten fünfziger Jahren nur mühsam ins öffentliche Bewusstsein vorarbeitet. Die Forschung selbst hat erst in den vergangenen Jahrzehnten ihrem drängenden Wunsch Ausdruck verliehen, der von Bentham einst formulierten Idee stattzugeben und Experimente an Tieren so weit wie möglich durch alternative Methoden zu ersetzen, für die kein höherentwickeltes Lebewesen leiden und sterben muss. Die Suche nach solchen Möglichkeiten hat auf manchen Gebieten, insbesondere der Toxikologie, schon einiges an Möglichkeiten eröffnet: Die Mutagenität, das krebserregende Potenzial, die Giftigkeit von Stoffen schlechthin lässt sich heute bereits mit Assays testen, die ausschließlich kultivierte Zellen enthalten. Das ist schon für die Erforschung potenziell reizbarer Stoffe von tier ethischem Wert: Als Standard galt hier etwa lange Zeit der Draize-Test, auch Kaninchenaugentest genannt. Die zu prüfende Substanz wurde Albinokaninchen in den Lidsack geträufelt , und dann guckte man, was passiert. Für die Labortiere konnte das in brutale Folter ausarten weshalb man den seit 1944 gebräuchlichen Test durch Assays an isolierten Geweben ersetzte. Für die werden zwar auch noch Tiere "verbraucht", aber eben keine mehr gequält.

Viele Wissenschaftler sind zudem überzeugt davon, dass ausgerechnet die ethisch so umstrittene Stammzellforschung mit gezielt gezüchteten Zelltypen zu ebenfalls zellbasierten, aber weit spezifischeren Experimentalsystemen führen kann, viel eher übrigens noch als zu klinisch einsetzbaren regenerativen Therapien.

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