Die Schuld der Kirche am Elend der Tiere

von Helmut F. Kaplan

Ostersonntag 24.04.2011

Vorbemerkung: Wenn im folgenden von "der Kirche" oder "den Kirchen" die Rede ist, sind damit die christlichen Konfessionen im europäischen Kulturkreis gemeint. Gegenstand der Ausführungen ist die Rolle des Christentums bei unserem Umgang mit Tieren. Die Einschränkung auf Europa erfolgt, weil ich über Beschaffenheit und Folgen christlichen Denkens außerhalb Europas zuwenig Bescheid weiß.

Rechtfertigung des Tiermissbrauchs

Was ist eigentlich die letzte Rechtfertigung für den Missbrauch von Tieren? Womit begründen Menschen ihren grauenhaften Umgang mit Tieren? Am liebsten natürlich gar nicht. Aber wenn man sie gezielt fragt, wenn man sie "zwingt", nachzudenken und Auskunft zu geben? Dann tauchen wohl vor allem Gedanken und Gefühle auf, die mit folgenden Stichworten charakterisiert werden können:

  • "Vernunftbegabtheit des Menschen",

  • "Gottesebenbildlichkeit des Menschen",

  • "unsterbliche Seele des Menschen".

Damit soll weder behauptet werden, dass die betreffenden Behauptungen bzw. Thesen oder deren Stellenwert im eigenen Denken und Fühlen den Menschen (voll) bewusst sind noch dass diese Behauptungen bzw. Thesen "theologisch korrekt" verstanden oder formuliert werden. Aber meiner Erfahrung und Einschätzung nach spuken diese Vorstellungen als "Hauptverantwortliche" für den schauerlichen Umgang mit Tieren durch die Hirne und Herzen der Menschen:

  • So richtig "vernunftbegabt" sind ja nur wir Menschen; nur wir verstehen die Welt, begreifen ihre Zusammenhänge.

  • Nur wir Menschen sind nach Gottes Ebenbild erschaffen.

  • Nur wir Menschen haben eine unsterbliche Seele.

Nun wollen wir uns einmal ansehen, wie es denn um die Vernünftigkeit dieser Behauptungen bzw. Thesen selbst bestellt ist? Bei der "Vernunftbegabtheit" des Menschen beginnen die Probleme schon: Wir kennen doch alle Zeitgenossen, mit deren "Vernunftbegabtheit" es, freundlich formuliert, nicht so weit her ist. Und zweifellos bestehen GROßE UNTERSCHIEDE in der "Vernunftbegabtheit" der Menschen: Es gibt "Hochbegabte", Nobelpreisträger und Genies, andererseits das Heer der 08/15-Menschen, der "Fabrikware der Natur", wie Schopenhauer sagt. Und dann gibt es natürlich noch die Dementen, Senilen und geistig Behinderten, die sich teilweise unzweifelhaft auf einem deutlich niedrigeren intellektuellen (bzw. Autonomie-) Niveau befinden als viele Tiere.

Ziehen wir aus den unzweifelhaften und obendrein gewaltigen "Vernunftunterschieden" unter Menschen Konsequenzen, die jenen entsprechen, die wir in Bezug auf Tiere ziehen? In Bezug auf Tiere sehen unsere Denkschritte ja etwa so aus: weniger vernünftig weniger wichtig weniger schützenswert. Umgelegt auf den Umgang mit Menschen bedeutete dies beispielsweise: Den können wir ruhig etwas foltern, der ist eh nicht so intelligent. Oder: Bei "einfachen" Menschen können wir das Schmerzmittel problemlos etwas niedriger dosieren. Denken wir so? Handeln wir so? Überhaupt nicht, hier sind wir also schon einmal inkonsequent.

Wir sagten, in Bezug auf die "Vernunftbegabtheit" gebe es bei Menschen große Unterschiede und viele Menschen seien eher "wenig vernunftbegabt". Gegen letzteres könnte man einwenden: Demente, Senile und Behinderte sind ja nun nicht eben typische Menschen und mit der mangelnden Vernünftigkeit manch anderer Zeitgenossen sollte man es auch nicht übertreiben. Auf alle Fälle sind aber die Menschen ALS SPEZIES unvergleichlich vernünftiger als Tiere!

Also richten wir unser Augenmerk auf die "Vernunftbegabtheit" der menschlichen Spezies. Da brauchen wir allerdings nicht lange zu schauen, um eines Besseren, genauer: eines Schlechteren belehrt zu werden. Man betrachte nur die Umweltzerstörung im allgemeinen, die Klimazerstörung im besonderen, die himmelschreiend ungerechte Verteilung von Wohlstand und Reichtum, das tägliche Verhungern von Kindern, das atomare "Gleichgewicht des Schreckens" und so weiter und so fort!

Und wie steht es um die beiden anderen Behauptungen bzw. Thesen: dass der Mensch nach Gottes Ebenbild erschaffen worden sei und eine unsterbliche Seele habe? Zunächst einmal ist es zweifellos so, dass diese Fragen von Andersgläubigen und Nichtgläubigen völlig anders gesehen werden als von Christen. Aber selbst unter Christen ist es alles andere als eine ausgemachte Sache, welche Menschen denn nun nach Gottes Ebenbild erschaffen wurden und welche eine unsterbliche Seele (oder überhaupt eine Seele) haben! Einen Eindruck davon, WIE komplex solche Fragen sind (und wie kontrovers sie diskutiert werden), bekommt man beispielsweise bei Betrachtung der mehrjährigen Beratungen der päpstlichen Theologenkommission darüber, ob ungetauft verstorbene Kinder nun in den Himmel kommen oder mit der Vorhölle, dem sogenannten "Limbus", vorlieb nehmen müssen. Papst Benedikt XVI. hat jetzt ein Machtwort gesprochen und den Limbus abgeschafft allerdings, wie gesagt, erst nach äußerst aufwendigen Erwägungen und Beratungen.

Konsequente Anwendung von Kriterien

Fest steht: Bei konsequenter Anwendung der Ausschluss- bzw. Minderbewertungskriterien für Tiere auf Menschen bekämen wir große Probleme: Erstens müssten wir überall (etwa bei Gerichten oder in Krankenhäusern) hochkarätige, interkonfessionell besetzte Expertengremien einrichten, um festzustellen, ob die betreffenden Menschen (hier: Angeklagte oder Patienten) untersterblich sind und vernünftig genug, um bestimmte aufwendige Maßnahmen zu rechtfertigen. Und zweitens würden viele Menschen diesen Test nicht bestehen weil sie beispielsweise, etwa viele Demente, wesentlich "unvernünftiger" sind als Hunde, Katzen oder Schweine.

Dieser Befund wird viele verwundern: Wie kommt es, dass bei unserem Verhalten gegenüber Menschen und Tieren hinten und vorne nichts zusammenpasst und die konsequente Anwendung der Prinzipien, die unseren Umgang Tieren leiten, katastrophale Folgen für Menschen hätte! Wer sich schon einmal näher mit einer zentralen Frage in diesem Zusammenhang befasst hat, nämlich mit der BEGRÜNDUNG VON MENSCHENRECHTEN, wird weniger überrascht sein.

Hier operieren wir nämlich mit einem irrwitzigen Zwei-Punkte-Programm, das irrationale Konsequenzen fast unausweichlich macht:

  • Alle Menschen haben Rechte, weil alle Menschen eine Würde haben.

  • Das Weiterfragen nach dieser Würde ist aber strikt verboten

Erlaubt sind lediglich normierte Patentantworten vom Kaliber: "Nur die Religion erklärt mir, warum der Mensch seine Würde nie verlieren kann. Er hat sie von Gott geschenkt bekommen."(Bischof Wolfgang Huber)

Wenn die Basis der Menschenrechte im dunkeln liegt und das Fragen nach ihr verboten ist, sollte uns keine Inkonsequenz oder Irrationalität im Umfeld verwundern! Diese Situation ist aber auch aus einem anderen Grund ebenso absurd wie unannehmbar: Wenn wir allen Menschen Rechte zugestehen, sollte es auch eine Fundierung dieser Rechte geben, die allen Menschen zugänglich ist, die alle Menschen verstehen und akzeptieren können nicht nur, beispielsweise, Christen. Mit anderen Worten bzw. grundsätzlich gesagt: Was fehlt, ist eine Fundierung von Menschenrechten, die dem Umstand Rechnung trägt, dass wir in einer pluralistischen, säkularen bzw. laizistischen Gesellschaft leben!

Und wie könnte eine solche wünschenswerte und notwendige GLAUBENSNEUTRALE BEGRÜNDUNG VON MENSCHENRECHTEN aussehen? Auf alle Fälle müsste sie auf Merkmale wie Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Rationalität und Autonomie Bezug nehmen: Wesen, die leidensfähig sind sowie rational und autonom agieren können, sollten das Recht haben, entsprechend diesen Eigenschaften und den daraus resultierenden Bedürfnissen zu leben.

In diesem Zusammenhang gilt es, sich zwei wichtige Fakten zu vergegenwärtigen:

  • Keines dieser Merkmale verläuft entlang der Speziesgrenze Menschen Tiere.

  • Es gibt Menschen, bei denen diese Merkmale SCHWÄCHER ausgeprägt sind als bei vielen Tieren.

Nachvollziehbare Zusammenhänge und Argumente

Diese Überlegungen zu einer glaubensneutralen Begründung von Menschenrechten versetzen uns schlagartig in eine viel übersichtlichere Situation, in der alles verständlicher, vernünftiger und nachvollziehbarer ist:

1) Es können auch diejenigen mitdenken und mitreden, die einen anderen Glauben oder keinen Glauben haben.

2) Wir haben 150 Jahre skandalöser Wissensverweigerung überwunden: Seit Darwin sollten wir nämlich wissen, dass es biologisch und psychologisch zwischen Menschen und Tieren keinen prinzipiellen, sondern lediglich einen graduellen Unterschied gibt.

3) Wenn wir auf dieser Grundlage das fundamentalste moralische Prinzip, das GLEICHHEITSPRINZIP, anwenden, ergibt sich der richtige Umgang mit Tieren fast automatisch: Wir schauen, welche Interessen Tiere haben und nehmen diese Interessen dann GLEICH ERNST, wie wir vergleichbare menschliche Interessen ernst nehmen.

Schweine sind beispielsweise ähnlich intelligent wie Hunde oder bestimmte Demente oder geistig Behinderte und haben daher auch vergleichbare Interessen. Wenn wir die Interessen von Schweinen gleich ernst nähmen wie die Interessen von Hunden, Dementen oder geistig Behinderten, sähe die Welt anders aus! Oder anders herum: Man stelle sich vor, wir würden mit Hunden, Dementen oder geistig Behinderten machen, was wir mit den 55 Millionen Schweinen machen, die wir jährlich in Deutschland schlachten!

Und zu diesen Verbrechen schweigen die Kirchen. Dieses Schweigen ist aber kein harmloses Nichts-Sagen, sondern im Gegenteil ein starkes Signal. Denn die Kirchen verstehen sich als tragende gesellschaftliche Kraft und äußern sich folgerichtig zu anderen Grundsatzfragen sehr wohl. Wenn sie sich zu einer Frage, dem Tiermissbrauch, nicht äußern, enthält dies eine klare Botschaft: Tiere sind nicht wichtig, ihr könnt mit Tieren weiterhin so verfahren wie bisher.

Die Schuld der Kirchen am Elend der Tiere ist also eine zweifache: Weltanschaulich liefern sie die Grundlage für die Verbrechen an Tieren. Und politisch schweigen sie zu den Verbrechen an Tieren. Wer aber Verbrechen verschweigt, macht sich mitschuldig an diesen Verbrechen.

Hinweise: Beim vorangehenden Text handelt es sich um die schriftliche Ausarbeitung des gleichnamigen Vortrags, der am 28. August 2010 auf dem Kirchentag "Mensch und Tier" in der Dortmunder Pauluskirche gehalten wurde.

3 Videos: www.youtube.com/watch?v=sO4vkY

Die verratene Schöpfung

Eine unendlich(e) traurige Geschichte:

Kirche und Tierschutz
"Himmelschreiende Ruchlosigkeit, mit welcher der christliche Pöbel gegen Tiere verfährt, sie lachend tötet, verstümmelt oder martert" - mit so deutlichen Worten formulierte schon im 19. Jahrhundert Arthur Schopenhauer die moralische Verwerflichkeit des Menschen im Verhalten gegenüber seinen älteren Verwandten, den Tieren. Wahrlich, für Tiere hat der Teufel keinen Klumpfuß und keine Hörner, sondern ein Menschengesicht. Zu ergänzen wäre dazu lediglich: Und die "Kronjuwelen der Schöpfung", die Pfaffen im schwarzen Gewand, segnen all das unchristliche Wüten der "Dornenkrone Mensch" per hoheitsvoll zelebrierten anthropozentrischen Kanzelreden willfährig ab - denn bekanntlich gibt es für den Homo sapiens keine größere Lust und Freude, als eine öffentliche, hochpriesterliche Würdigung des eigenen Tuns und Bestätigung seines vermeintlich einzigartigen Wertes.

Es erzeugt Gänsehaut, in welch traurigem, Gottes Schöpfung verhöhnenden Anthropozentrismus viele Kirchenchristen und Priester gefangen sind. Lebensverachtende Formulierungen, wie gerade im Katholischen Katechismus gebraucht, fordern förmlich, gar wörtlich, dazu auf, Leid und Schmerz empfindende tierische Mitgeschöpfe als bloße "Ressourcen" anzusehen. "Tiere, Pflanzen (...) sind von Natur aus zum gemeinsamen Wohl der Menschheit bestimmt (Nr. 2415), oder, "... man darf sich der Tiere zur Ernährung und Herstellung von Kleidern bedienen (...) und medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen(!) Grenzen sittlich zulässig..." (Nr.2417) oder, "... ist es unwürdig, für sie (Tiere) Geld auszugeben, das in erster Linie menschliche Not lindern sollte. (Nr. 2418)

Albert Schweitzer hat all diesen Möchte-gern-Ethik-Aposteln in dieser Sache den selbstaufgesetzten Heiligenschein der Menschheit ganz tief über die Ohren gezogen: "Wie die Hausfrau, die die gute Stube gescheuert hat, Sorge trägt, dass die Türe zu ist, damit ja der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstellte, also wachen die europäischen Denker darüber, dass ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen".

Probleme gibt es weniger mit dem Himmlischen Hausherrn, sondern allzeit mit Gottes unfähigem Dienstpersonal hier auf Erden. Die Verkommenheit der Amtskirchen steht seit Jahrhunderten - bis heute - denen der weltlichen Entscheidungsträger in nichts, aber in gar nichts nach.

Man vertritt und praktiziert schlicht eine "Ethik" des Terrors gegen die Mitgeschöpflichkeit: Pfarrer Reinald Fuhr, Evang. Kirchengemeinde Hüttenfeld bezeichnet die Jagd als sein "jagdliches Hobby". Pastoren predigen und jagen in Personalunion, oder halten, der grünen Zunft sich schlicht prostituierend, gotteslästerliche Hubertusmessen ab, segnen vieltausendfach gewissenlosen Tiermord und bagatellisieren sich anbiedernd nach hier eingeschleppte anachronistische Sitten, wie betäubungsloses Schächten von Tieren.

Siehe Beitrag der Frankfurter Rundschau vom 6. Juli 2002, "Kirche wirbt um Verständnis fürs Schächten" : Pfarrer Wegner und Landwirt Roos, Umweltreferenten der `Ev. Kirche in Hessen und Nassau preisen in diesem Beitrag skandalös und devot-anbiedernd das archaische betäubungslose Schächtmetzeln als "relativ naturnahe Tötung" u.a. "...weil die demütige Haltung des Schlachtenden, die Ruhe der Prozedur und der Anrufung Allahs bei muslimischen Metzgern wesentlich zur Angstvermeidung beitragen könne". Phantasien, die man eher orientalischen Märchenerzählern, denn den Hirnwindungen eines evangelischen Pfarrers zutrauen würde - ein hanebüchenes Geschwafel, das nur noch als gotteslästerliche, blanke Verhöhnung der gequälten Kreatur angesehen werden kann.

Oder man verschachert wie einst Judas für einige Silberlinge ein Grundstück an ein Forschungszentrum. Dies wurde auf Anfrage des "Arbeitskreises humaner Tierschutz e.V." von Pastor Dr. Johannes Neukirch, Pressesprecher der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, kürzlich ausdrücklich bestätigt - und ermöglicht so, nach Manier eines vornehmen Schreibtischtäters, auf diesem nunmehr zum "Blutacker" mutierten Kirchengelände künftig grauenhafte Tierexperimente. Auch hier wäscht man sich frommselig, ohne Unrechtsbewusstsein, die Hände in Unschuld.

Kann man sich einen Jesus vorstellen, der tief gebeugt über einem aufgeschnittenem, stöhnenden Versuchtier eilfertig ein blutiges Skalpell führt - abgeschottet hinter Stahltüren der hauptsächlich an ihren Dividenden interessierten Pharmaindustrie?

Oder einen jagenden Jesus mit einem Gewehr, der mit vor Schießgier zittriger Hand, Hasen, Rehe (oder auch böse Jagdkonkurrenz - "Raubzeug", wie Nachbars Katze oder Hund) und anderes Getier "anschweißt", d.h. anschießt, verletzt, verkrüppelt? Denn viele Tiere bleiben nicht sofort tot "im Feuer" liegen, sondern krepieren erst elend nach Tagen oder Wochen unter furchtbaren Qualen. Oder einen Jesus mit einem fettbeschmierten Metzgermesser in der Hand, Fleischfetzen von Gedärmen und Sehnen schabend?

Oder kann man sich einen Jesus ausmalen, von Ammoniakdünsten umwabert, in den KZ-Hühnerhaltungen zuerst die Eier einsammelnd, danach durch Tierleichen watend die noch lebenden ausgelaugten elenden Tierkörper knochenbrechend in Plastikkörbe verpackend, um Gottes Sohn dann schließlich - siehe oben - mit einem Metzgermesser in der Hand in einem Schlachthaus wiederzufinden ? Diese Frage sei auch an Pastor Michael Dübbers der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Südfeld/Holstein gerichtet, der sich nicht schämte zu Ostern 2010 als besonders "Event" Lammbraten in seiner Kirche anzubieten.

Es war und ist die Diskrepanz zwischen hehren Worten, heuchlerischen Kanzelreden - und dem dann tatsächlichen unchristlichem, lebensverachtenden Handeln der Amtskirchen, das rechtschaffene Menschen abstößt, schlicht anekelt. Man verkündet so das Evangelium ähnlich glaubhaft wie ein Metzger, der eine vegetarische Lebensweise predigt. So kehrt man eine pharisäerhaft propagierte "christliche Nächstenliebe" mit weihevoll und salbungsvoll verbrämten Worthülsen auf schlicht beschämende Art und Weise lebensverachtend förmlich in den Schmutz.

Wer, wenn nicht die Amtskirchen, die auf ihren angehäuften weltlichen Schätzen brütenden selbsternannten Vertreter des Christentums, wären mehr prädestiniert, sich unmissverständlich und engagiert für die von Gott geschaffene Welt mit all seinen Geschöpfen - Menschen wie Tieren und Pflanzen - einzusetzen ? Jesus wäre gewiss an ihrer Seite! War es nicht Jesus, der Tierhändler, Krämerseelen und Kleingläubige mit heißem Herzen aus dem Tempel jagte!

Geheim gehaltene alte Schriften (apokryphe Evangelien) zeugen von einer umfassenden Tierliebe Jesu. Weshalb werden diese unterschlagen und von der Amtskirche nicht anerkannt?

Weil man es sich seit Jahrhunderten zusammen mit weltlichen Machthabern - Wasser predigend, Wein saufend - bequem eingerichtet hat und ungern Pfründe freiwillig aufkündigt. Statt sich mit Macht und heiligem Zorn für die Gesamtgeschöpflichkeit Gottes einzusetzen, ist die Amtskirche taub für die Schreie der geschändeten Kreatur. Seit jeher sind von ihr bestenfalls laue Lippenbekenntnisse zu vernehmen - abgesehen von einigen wenigen einzelnen, mutigen kirchlichen Stimmen, wie sie die Vereinigung "Aktion Kirche und Tiere e.V. - AKUT" (http://www.aktion-kirche-und-tiere.de) vorbildlich repräsentiert.

Vielleicht als schöngeistigen Ausgleich, präsentiert der Klerus im Gegenzug dafür den Gläubigen Jahr für Jahr zu Weihnachten ein rührseliges, öffentlich aufgeführtes Bühnenstück im Altarraum, ein harmonisches Miteinander zwischen göttlichem Christkindlein in der Krippe und den Tieren. Ochs, Esel und Schafe sind die standardisiert auserwählten Mitgeschöpfe, die einmal jährlich anbetend zusammen mit Hirten und Königen, geschützt und friedlich, Jesus zu Füßen liegen dürfen.- Die Realität des heutigen, verlogenen, brutalen Alltagsgeschehens, dem die Tiere ansonsten millionenfach ausgesetzt sind, findet hingegen denkbar wenig Erwähnung.

Die Amtskirche braucht bei Laune gehaltene Christen, gutmütige, unkritische Zahler der Kirchensteuer, zwangseingetrieben von Vater Staat - ein sich gegenseitig seit Jahrhunderten genial (unter-)stützendes Konglomerat.

Doch die Fassade bröckelt. Ungemach dräut. Immer mehr ernsthafte Christen erwachen aus tradierter Duldungsstarre und drängen befreit aus den Fesseln der Amtskirche. Wie auch Hans Apel. Einst Bundesminister für Verteidigung und für Finanzen sowie ehemaliger evangelischer Kirchenvorstand, ist er aus der Amtskirche aus- und in eine Freikirche eingetreten. In seinem Buch "Volkskirche ohne Volk" stellt er fest: "Wenn Menschen nach Gott suchen, suchen sie immer weniger bei der Evangelischen Kirche.(...) Neue Religiosität manifestiert sich vor allem außerhalb der beiden Großkirchen." Und er liest der Amtskirche tüchtig die Leviten: "Für ihr weitgespanntes Netz ihrer Sozialeinrichtungen - Kindergärten, Altenheime, Krankenhäuser zahlen der Staat und ihre Benutzer bis zu 95 Prozent der anfallenden Kosten. Insofern werden die Kirchensteuerzahler systematisch belogen, wenn ihnen vorgegaukelt wird, nur durch ihre Zahlungen würde die sozialkaritative Arbeit der beiden Großkirchen ermöglicht". Und weiter, "... kirchliche Außenseiter und Sinnvermittler, die neu auf den Markt drängen, sollen durch Verleumdungen und Verdächtigungen kleingehalten werden". Die "Drecksarbeit" der "Sektenbeauftragten" - so Apel wörtlich - werde die Volkskirche aber nicht retten.-

Die heute vorliegenden Bibeltexte vermelden keinesfalls das schiere vom Himmel gefallene Wort Gottes, wie manche wohl noch glauben. Es handelt sich um Übersetzungen von Übersetzungen und Abschriften von Abschriften. Viele pfuschten in den "Heiligen Schriften" nach wohl kalkuliertem Gutdünken herum. Belegt ist, dass allein in der Vulgata, der Bibelübersetzung von Hieronymus (um 400 n. Chr.) etwa 3500 (!) Stellen verändert und verfälscht wurden (s.u.a. Karl-Heinz Deschner Der gefälschte Glaube ).

Schriften der Urchristen - die man bis heute versucht, sehr zielgerichtet zu diskreditieren (ähnlich dem Schicksal vieler Naturreligionen!) - belegen ein Vegetariertum und eine allumfassende Nächstenliebe, die auch Tiere umfasste.

Diese Lehren liegen heute von den Hohepriestern des Kirchentums zertreten am Boden und man huldigt einem Vatikan, der im Zeitalter von Aids und die Erde verschlingenden Menschenmassen, Präservative verteufelt! Eine Lizenz für religiös-fanatische, skandalöse Verwirrtheiten beanspruchen - wie man hier sieht - nicht nur Islam und Judentum.

Man denkt und handelt heute "evangelisch" oder "katholisch" oder sonstigem selbst zusammen gebasteltem Möchte-gern-Christentum - aber nicht mehr christlich. Ein ernsthaft gelebtes Gutsein im besten Sinne des Wortes - die Intention aller Religionen - " orientiert sich nicht an der Hautfarbe, der Zahl der Beine noch der Behaarung der Haut. Denn ein erwachsenes Pferd oder ein erwachsener Hund sind (schon) weitaus verständiger und mitteilsamer als ein Kind, das eine Woche oder sogar einen Monat alt ist. Doch selbst wenn es nicht so wäre, was würde das ändern? Die Frage ist nicht: Können sie denken oder sprechen, sondern können sie leiden?" (Jeremy Bentham 1748-1832).

Dem ist nichts hinzuzufügen. Moral, Ethik und gelebte Nächstenliebe sind nicht nach beliebigem Gutdünken anwend- und teilbar.

Die Amtskirche, armselig fixiert auf die "Krone der Schöpfung" und unfähig über den Tellerrand anthropozentrischen Denkens zu blicken, ist leider ein unglaubwürdiger Torso. Nimmt es Wunder, dass immer mehr Christen die morsch gewordenen Gemäuer der Kirche verlassen? Menschen- und Tierschutz gehören in göttlichem Sinne untrennbar zusammen. Und Christsein definiert sich keinesfalls zwingend über die Zugehörigkeit zu einer Großkirche.

Dieser schmerzhafte Lernprozess wird der Kirche nicht erspart bleiben: Gott ja, Amtskirche nein - nur so kann der Leitspruch für ernsthafte (!) Christen heute lauten.-

Verwiesen wird auf weiterführende Literatur von Hubertus Mynarek (Kritiker kontra Kriecher Menschenverachtung in den christlichen Kirchen), Eugen Drewermann (Der tödliche Fortschritt), oder Karl-Heinz Deschner und seine einzigartige, groß angelegte Dokumentation "Kriminalgeschichte des Christentums".

Es ist ja so einfach...

Im Grunde könnten wir alle "Heiligen Schriften" der verschiedenen Religionen, oder auch langatmige philosophische Abhandlungen über Moral und Ethik, einstampfen - wenn wir uns an dem alle Werte umfassenden schlichten Sprichwort, "Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu", orientieren würden.

Der daraus folgende, logische Umkehrschluss, "Was du willst, das man dir tu, das füg auch anderen zu", beinhaltet auch das Gebot einer allumfassenden Nächstenliebe zu allen unseren kleinen tierischen Mitgeschwistern, was Albert Schweitzer so trefflich mit vier Worten, als die "Ehrfurcht vor dem Leben" definierte.

Es ist ja so einfach.

Alles ist vielfach gesagt und geschrieben - und auch allen bekannt. Logischerweise wäre ein solches Leben auch im Sinne eines Schöpfergottes.

Doch offenbar ist der Mensch unfähig, all das in dicken Büchern verstaubende, hehre Gedankengut im Alltag umzusetzen.
Horst Stern brachte es letztlich auf seine unnachahmliche Art, ätzend punktgenau formuliert, zum Ausdruck: Für die unter der Knute des Menschen stöhnenden Tiere und die Natur, ist die "Dornen-Krone der Schöpfung" so "überflüssig wie ein Kropf".

Quelle: Ulrich Dittmann / April 2010 Arbeitskreis Tierschutz

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