Es ist höchste Zeit ...

SZ Paul Leonhard
von HELMUT SCHÖDEL

ERBARMUNGSLOS

Allmählich wird uns klar, wie gedankenlos wir mit unseren Nutztieren umgehen - und was wir uns selbst antun, wenn wir Schweine, Rinder oder Hühner als Fleischhaufen verramschen. Es ist Zeit für einen radikalen Wandel.

In einer kleinen Box sitzen ein paar männliche Küken, flauschig gelb und süß anzuschauen. In die Box wird Gas eingeleitet. Siehe da, die Küken ersticken binnen zweier Minuten! So sterben jährlich um die 25 Millionen Hühnerchen, die dann zerhäckselt werden, weil man sie nicht brauchen kann, sie legen weder Eier noch sind sie zur Mast geeignet. Der das große Massaker am kleinen Beispiel exerziert, ist der englische Starkoch Jarnie Oliver, er legt es darauf an, dem Verbraucher vorzuführen, dass Hühnerschenkel und Kalbsschnitzel nicht auf Bäumen wachsen. Dass sie ihren Preis haben, nicht nur im Laden.

Die Gegenwart ist eine Hölle für Tiere. Statt Hegern und Pflegern begegnen sie Tätern. Unser Blick auf ihr Schicksal wird durch einen pathologischen Astigmatismus bestimmt, wir schielen uns an den Tatsachen vorbei und begegnen Tieren vor allem in den Kochsendungen und Küchenschlachten als Fälle für Gewürzmischungen und Food Design.

Taucht ein Wolf in unserer Gegend auf und reißt ein Schaf, ist das Geschrei groß, das beim Anblick eines leicht rosa gebratenen Lammrückens sofort verstummt.

Haben sich diese Lämmer für uns freiwillig in den Topf gelegt? Oder waren wir in diesen Fällen der Wolf? "Nur ned zu viel Hitz", sagt Alfons Schubeck und empfiehlt, sie langsam zu kochen.

Der Tierschutz war lange Zeit keine überzeugende Adresse für den kritischen Denker, schwitzende Vertreter einer untergegangenen Protestkultur skandierten ihr Missvergnügen, als wären Tiere die besseren Menschen. Aber selbst, wer sich nicht besonders um Tiere kümmerte, dem musste irgendwann auffallen, dass sie nach und nach verschwanden - in Zuchtfabriken und auf Spaltböden gedemütigt und geschunden. Schon 2011 betrug die Schweine-fleischproduktion in Deutschland: fast 6000 Tonnen. Die Massentierhaltung ist immer superlativischer geworden, schönfärberisch als Intensivhaltung bezeichnet. Das alles begann schon Ende der Sechzigerjahre, als auch die Wiesen nach und nach ihre Farben verloren.

In den Feuilletons, die sich bereits zu Grübelecken entwickelten, war noch vor kaum zwanzig Jahren nicht angesagt, groß über Tiere nachzudenken. So missratene "Hamlet"-Aufführungen waren dagegen kein Problem. Im Jenseits musste man auf die Frage "Wo warst du, Adam?" dann eben einfach antworten: im deutschen Feuilleton. Wo man sich mit Kant befasste, war für Kühe kein Platz. Was galt schon eine Kuh, verglichen mit Kant in Königsberg! Dabei haben sich viele große Dichter des Themas angenommen, seit der Antike und erst recht im anthropozentrischen Christentum. Selbst Richard Wagner war ein Hundefreund. Für viele Künstler waren ihre Hunde Musen auf vier Beinen.

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