Tierschutz geht uns alle an

Beim Kampf um elementare Tierrechte endlich den ideologischen Schaum vom Mund abwischen!

Ernsthafte Tierfreunde werden beständig von vielerlei Tierschutzzeitungen, Magazinen, Mitgliederbroschüren, oder mit Internetinformationen flächendeckend schlicht überrollt.

Die ihrem Herzensbedürfnis folgend ohnehin umfassend informierten Tierfreunde lesen so vielfach immer die gleichen bekannten Beiträge von immer den gleichen bekannten Autoren über die immer gleichen schrecklichen Tierschindereien. Andere Bevölkerungsteile hingegen erhalten kaum gezielt nachhaltige Informationen über all das Tierelend.

Doch ALLE Menschen, ob gut oder böse, dumm oder gescheit, atheistisch oder religiös, dem christlichen, buddhistischen, islamischen oder mosaischen Glauben zugehörig, politisch links oder rechts stehend, haben Anspruch, über alle Tierquälereien aufgeklärt zu werden MÜSSEN im Sinne der Sache aufgeklärt werden. Beispielsweise über perverse sinnlose Tierexperimente, das Verkrüppeln der Wildtiere in Fallen und bei der Jagd, über die Qualen der Tiere in den KZ-Massentierhaltungen (Lt. OLG Düssel-dorf RdL 1977, 42 f. rechtmäßige Titulierung für Tierhaltung in Engstkäfigen) bei Transport und Schlachtung, oder über die Schinderei des betäubungslosen Schächtens, usf.

Oder nicht? Darf nur eine ganz bestimmte auserwählte Bevölkerungsschicht, eine gewisse ethische oder geistige Elite resp. die, die sich dafür hält in Tierschutzdingen informieren oder Informationsbegehren beanspruchen? Darf nur eine "politisch-korrekte Medien-Phalanx Information betreiben oder Kritik üben? Und dies auch nur in ganz bestimmten auserwählten Druckorganen oder Internetplattformen?

Niemand hat die Weisheit gepachtet, doch dieses Monopol wird leider besonders gerne vom links positionierten intellektuellen Möchte-gern-Gutmenschentum beansprucht.

Aber es besteht kein Anlass, nur einigen Auserwählten, in auserwählten Medien eine ausgewählte Informationsgebung, oder Wehklage-Erlaubnis zuzubilligen. Das heißt, es ist richtig und wichtig, gerade dort in der Öffentlichkeit Tierschutzthemen zu platzieren, wo bisher solche Tierschutz-Themen weitgehend negiert wurden. Konkret: Es darf keine Berührungsängste geben, beispielsweise (auch) in Fleischerzeitungen, Jagdmagazinen, Pharmazeitschriften etc. oder linken und rechten Presseorganen und Partei-Infoblättern, in verschiedensten Internetforen unser Anliegen "den Tierschutz die Tierrechte immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken.

Ernsthaft betriebener Tierschutz orientiert sich grundsätzlich weder an "links noch an "rechts sondern am Geradeaus.

Und nur wo man sich politisch und gesellschaftlich offen und frei artikulieren und positionieren kann, kann man auch von Demokratie sprechen. Wo jedoch eine omnipräsente Meinungsdiktatur inflationär die Political-Correctness-Zuchtrute schwingt, ist man von diesem Ideal weit entfernt.

Wenn es eine "Mitte gibt, gibt es zwangsläufig auch ein "links und "rechts und keine politische Einstellung muss per se gut oder schlecht sein. Wer weit rechts steht, für den ist bereits die CDU ein "linker Haufen . Umgekehrt sieht mancher Linksextreme bereits die SPD im Sumpf des Rechtsradikalismus versinken. Der Standpunkt macht eben die Sichtweise aus und zersplittert tragischerweise die ohnehin schwache Tierschutzbewegung noch mehr.

Selbstredend ist Distanzierung von jeglichen extremistischen, gewalttätigen Gruppierungen unabdingbar denn für die Opfer ist es gewiss nebenrangig, ob ihnen von linken, rechten oder religiösen Radikalen und Fanatikern und dem in ihrem Dunstkreis marodierenden Pöbel die Zähne eingeschlagen werden. Siehe z.B. die alljährlich stattfindenden, mittlerweile "rituellen 1.Mai-Krawalle der sogenannten "autonomen Linken mit vielen Verletzten in Berlin.

Grotesk und schlicht Schnappatmung erzeugend das Verhalten auch linker Grüppchen von gewalttätigen Meinungsterroristen, die unter dem Deckmäntelchen, angeblich "Tierrechte" zu verteidigen, selbst einen Tierrechtsethiker wie Dr. Helmut Kaplan zum Feindbild erklären und versuchen, ihn randalierend zu hindern eine Rede zu halten. Siehe traurige Vorkommnisse am 14. Mai 2011 beim Aktionstag "Deine Stimme den Stimmlosen" in Köln. Wirrer und schizophrener geht es wirklich nicht mehr: Vorgebliche "Tierrechtler" greifen ernsthafte Tierschützer mit Hasstiraden an! Die Tiernutzerindustrie ist gewisslich sehr erfreut über eine solche Schützenhilfe. Oder man terrorisiert förmlich mit irrsinnigen, oft gewalttätigen Aktionen die Urchristengemeinde des Universellen Lebens, die basierend auf christlicher Grundlage allumfassende Nächstenliebe und Mitgeschöpflichkeit im Sinne Albert Schweitzers "Ehrfurcht vor ALLEM Leben" nicht nur propagiert, sondern praktisch vorlebt analog den Glaubensgemeinschaften der Jaina und Bishnoi in Indien. Letztere werden auch von Tierrechtlern in Deutschland hochverehrt, während man erstgenannte seltsamerweise ketzerisch diffamiert. Gnadenlose Dummheit ist in manchen Kreisen offenbar in solchem Übermaß vorhanden, dass man sehr freigiebig damit umgeht und damit der gesamten Tierrechtsbewegung unendlichen Schaden zufügt.

Seinen Glauben frei ausleben zu können, nennt man Religionsfreiheit. Doch dieses Grundrecht findet seine Grenzen immer an der Nasenspitze des Gegenübers und dessen religiös-kultureller Vorstellung die in Westeuropa auf einem Ethik-Verständnis basiert, das dem Mitgeschöpf Tier nicht vorsätzlich und bewusst eine vermeidbare Qual auferlegt werden darf.

Der Begriff "Tierfreund beinhaltet unmissverständlich ein "Freund des Tieres" zu sein. Und Freunde verteidigt man nach besten Kräften.

Wichtig so, bei einem tabuisierten Bereich des Tierschutzes, dem betäubungslosen Schächten, auch Klartext zu reden: Hier weicht Toleranz und Gleichgütigkeit der Öffentlichkeit " es sind ja nur Tiere , häufig erst dann einem empörten Gejaule, wenn orientalische Polit-Terroristen nicht mehr Schafen und Rindern, sondern westlichen Geiseln die Kehle durchschneiden. Wenngleich diese Erkenntnis in den Gehirnwindungen unserer politischen Entscheidungsträger noch keinen Einzug gehalten hat sind Tiere doch gleichermaßen leidensfähig wie Menschen.

So (Schächt-)Juden und (Schächt-)Muslime, die entgegen dem regulären Tierschutzgesetz und entgegen hier geltenden Normen, vorsätzlich Tiere qualvoll betäubungslos abmetzeln, nicht gerade mit Sympathie überschüttet werden müssen diese Bevölkerungsgruppen das auch aushalten. Zu durchsichtig, wenn dann von diesen (mangels stichhaltiger Argumente) entrüstet auf schlicht inflationäre Art und Weise wieder mal die Ausländerfeindlichkeits- oder Antisemitismuskeule hervorgekramt wird.

Von Tierschutzseite muss der Zuzug von Bevölkerungsgruppen zwangsläufig sehr skeptisch gesehen werden, die eine hier bislang unbekannte Tierquälerei im Gepäck tragen wie betäubungsloses Schächten. Und man braucht wegen dieser Einstellung auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Mit übelsten Tierqualpraktiken (Massentierhaltung, Tierversuche etc.) sind wir in Deutschland, Österreich und Schweiz wahrlich zur Genüge geschlagen. Es wäre aus Tierschutzsicht schlicht schizophren, Menschen, die weitere zusätzliche Varianten von Tier-Qualzufügungen nach hier einschleppen und praktizieren, freudig zu begrüßen.

Wenn aus Fleischesgier die "Dornenkrone der Schöpfung Tiere schon abmurkst, so muss dies zumindest möglichst rasch und qualmindernd vonstatten gehen analog ein Mensch gewisslich den Tod durch eine "gnädige Kugel dem Tod durch langsame Folter vorzieht. (Auf die kleine, aber eindringliche Geschichte aus dem letzten Weltkrieg siehe unten wird in diesem Zusammenhang hingewiesen.)

Solange wir die Fesseln der Tiersklaven nicht lösen können, müssen wir zumindest pragmatisch versuchen, die Ketten zu lockern. Keinesfalls reicht es, lediglich edle maximale Gesinnungsethik wie eine Fahne mit der Aufschrift "Ich bin vegan und gegen jegliches Töten" vor sich her zu tragen, sondern es gilt mit praktischer Handlungsethik in die Niederungen des Alltagsgeschehens hinabzusteigen und zunächst alle Qualverminderungsmöglichkeiten auszunutzen ohne natürlich je das Ziel, die Tiere von allen Fesseln zu befreien, aus den Augen zu verlieren. " Der praktische Tierschützer muss immer wieder auf Kompromisse eingehen, weil der Alles-oder-Nichts-Grundsatz besonders im Tierschutz immer nur zum Nichts" und niemals zum Alles" führt." (Gotthard M. Teutsch: Mensch und Tier. Lexikon der Tierschutzethik)

Gelebte Demokratie heißt auch im Tierschutz, sich emanzipiert zu positionieren, mit offen artikulierter Meinungsäußerung und das in allen Medien. Selbsternannte Moralwächter aller Couleur sollten sich in diesem Zusammenhang endlich den ideologischen Schaum vom Mund abwischen.

Wer das als erklärter "Tierschützer oder "Tierrechtler oder als Tierschutzorganisation nicht so sieht, wer hier herumnörgelt, exzessiv Gesinnungsselbstbefriedigung zelebriert, hat nicht verstanden (oder WILL nicht verstehen), dass es hier nicht um Vorlieben und Vorstellungen persönlicher, religiöser, weltanschaulicher oder politischer Vorstellungen und Phantasien geht sondern um Publikmachung, Geltungmachung und praxisorientierte Durchsetzung von elementaren Tierrechten. Nur gemeinsam und bei Hintenanstellung eigensüchtiger persönlicher Interessen werden wir hier vorankommen.

Quelle: Ulrich Dittmann / 10.06.2011

Tiere sind auch nur Menschen

Wer darf wen töten und warum? Es gibt keine ethische Begründung für die Schlachthäuser.

Der Blick zwischen Mensch und Tier, der uns Jahrhunderte begleitete, wurde ausgelöscht.

Ein Plädoyer für den Vegetarismus von Iris Radisch; "Die Zeit" vom 12.08.2010

Immer weniger Menschen essen Fleisch. Der Grund: die Belastungen von Umwelt und Gesundheit durch die Massentierhaltung, vor allem aber die Einsicht, dass die Tiere unsere nächsten Verwandten sind.

Die alles entscheidende Frage, dürfen wir Tiere töten, um ihre Leichen zu essen, haben wir seit Ewigkeiten beantwortet. Vielleicht nicht mit dem Kopf, aber doch mit den Zähnen. Der Tieresser steht auf der Siegerseite der Evolution. Er ist der König der Nahrungskette.

Ausgiebiger Fleischgenuss signalisierte lange Zeit Wohlstand, und Wohlstand signalisierte soziale Integration. Je bedeutender der Mensch, desto größer die Fleischportion auf seinem Teller. Vegetarismus hingegen war eine Lebensweise mit dem zweifelhaften Odium einer sektiererhaften Marotte. Sie berief sich zwar gelegentlich auf eine ferne antike Überlieferung (die Orphiker und die Pythagoräer waren Vegetarier), entstand aber im fleischessenden Abendland recht eigentlich erst in den unübersichtlichen Umtrieben der Lebensreformbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts, die ihrerseits eine politisch unzuverlässige, teils radikaldemokratische, teils völkische, in jedem Fall widerspenstige und anarchische Reaktion auf die Zwänge der beginnenden Industrialisierung war.

Der Vegetarier war ein Sonderling, ein Außenseiter der Gesellschaft. An ihm haftete der Makel, sich einem zentralen Übereinkommen des vernünftigen Zusammenlebens zu widersetzen. Wer nicht wie alle anderen Fleisch aß, war womöglich auch sonst zu nichts Ordentlichem zu gebrauchen. Zahlreich waren die Anekdoten, die das berufliche Missgeschick dieses oder jenes Großonkels auf die in meiner Familie seit Generationen verbreitete Unfähigkeit, Tiere zu essen, zurückführten.

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Das alles scheint lange her zu sein und ist doch erst seit Kurzem vorbei. Heute ist der Vegetarismus in jedem Sinn in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Vegetarische Speisegaststätten gibt es überall in den Innenstadtvierteln, in Berlin hat soeben die erste vegetarische Mensa eröffnet. Es gibt viele Intellektuelle und Künstler, die sich für den Vegetarismus einsetzen. Und es gibt einen Vegetarismus-Chic in den besseren Kreisen. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat gerade ein sehr erfolgreiches und viel diskutiertes Buch veröffentlicht, das uns in schönster Offenheit dazu auffordert, am besten keine und am zweitbesten weniger Tiere zu essen. Alles schön und gut. Bleibt nur noch die Frage, ob wir Tiere überhaupt töten dürfen.

Normalerweise werben die Vegetarier für ihre Lebensart, indem sie den Fleischessern die gesundheitlichen Nachteile ihrer Ernährungsweise mahnend vor Augen halten. Dazu zählen die vielen Herz- und Krebsleiden, die Übertragung von Viren und Giftstoffen, die Gefahr, an Osteoporose, Gicht, Rheuma, Bluthochdruck, Adipositas und so weiter zu erkranken. Das alles ist bedenkenswert. Für die Frage nach unserem Recht, Tiere zu töten, um sie zu essen, sind diese luxuriösen Diskussionen um die möglichen Zuwachsraten unseres ohnehin bereits beträchtlichen leiblichen Wohlergehens aber unerheblich.

Das gilt auch für den noch viel gewichtigeren Trumpf in der Hand der Vegetarier: die ungeheuere Belastung der Erde durch die Treibhausgasemissionen, die durch die Massentierhaltung entstehen. Gerade veröffentlichte das unabhängige Washingtoner Worldwatch Institute seine jüngsten Messungen, nach denen die Massentierhaltung nicht nur wie bisher angenommen für 18 Prozent, sondern sogar für über 50 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist. Fleisch essen ist schlimmer als Auto fahren.

Von dem unverantwortlichen Wasserverbrauch, der unwirtschaftlichen Vernichtung von Anbaufläche, der Rodung der Wälder zur Vermehrung von Weideflächen noch gar nicht zu reden. Niemand bezweifelt diese für unsere Überlebensaussichten äußerst betrübliche Diagnose. Sie ist ein starkes Argument für eine drastische Senkung des Fleischkonsums. Doch erspart auch sie uns nicht die alles entscheidende Frage, die man auch unseren ökologisch korrekten Urahnen hätte stellen müssen: Wer darf wen töten und warum?

Die Entscheidung ist bereits gefallen. Der Mensch genießt das Recht auf leibliche Unversehrtheit. Das Recht des Tieres, das wir ihm einräumen, besteht demgegenüber darin, vor dem Zerstückelt- und Ausgenommenwerden durch einen Metallbolzen, der ihnen den Schädel spaltet, betäubt oder an einem Haken kopfüber aufgehängt durch ein elektrisches Wasserbad gezogen zu werden.

Das Ungleichgewicht der Rechte springt ins Auge, wird aber außer von einigen Tierethikern wie Peter Singer, Tom Regans, Helmut F. Kaplan, Ursula Wolf und den unermüdlich, teils auch radikal kämpfenden Tierrechtsorganisationen wie Peta kaum infrage gestellt. Es ist die Grundlage dessen, was wir als Normalität bezeichnen. Aber was, wenn wir uns einfach geirrt haben? Ist es möglich, dass, was seit Jahrtausenden als normal gilt, dennoch ein ungeheueres Unrecht ist?

Ja, es ist möglich. Die Gründe, die wir für das eklatante Ungleichgewicht der Rechte zwischen Mensch und Tier geltend machen, sind allesamt windig. Überdies sind sie widersprüchlicher Natur. Sie stehen sich gegenseitig im Weg, weil sie sich wahlweise auf den tierischen oder auf den göttlichen Ursprung des Menschen berufen. Einerseits, heißt es, tötet der Mensch Tiere, weil er selbst ein Tier nicht anders kann.

Das ist die sogenannte Naturthese: Tiere fressen eben Tiere. Andererseits behauptet man, gerade die evolutionäre Überlegenheit des Menschen erlaube ihm, das Tier zu töten und mit seinen Leichenteilen Handel zu treiben. Das wäre die Kulturthese: Der Mensch isst Tiere, weil er besser ist als sie. Beide Begründungen hinken und sollten uns nicht ruhig schlafen beziehungsweise essen lassen. Einzig wer meint, dass man Tiere schon allein deswegen töten darf, weil ihre sterblichen Überreste, gut gebraten und gewürzt, gut schmecken, kann sich unbesorgt zu Tisch setzen (und wird betrüblicherweise spätestens an dieser Stelle die Lektüre des Artikels abbrechen).

Welche Entschuldigung haben wir den vier Rindern, 46 Schweinen, vier Schafen, 46 Truthähnen, zwölf Gänsen, 37 Enten und 945 Hühnern, die jeder Fleischesser durchschnittlich in seinem Leben verspeist, für ihren Tod also zu bieten? Betrachten wir zunächst die Naturthese. Fleisch essen gehöre angeblich zur menschlichen Natur. Doch was ist die Natur des Menschen? Vor allem ist sie ein Wort, das, wenn es im Sinn von Ursprünglichkeit oder Gottgegebenheit verwendet wird, jede Diskussion beendet (siehe Natur der Frau, Natur der Schwarzen und so weiter).

Die akademische Debatte darüber, ob der Steinzeitmensch eher ein Pflanzen- oder ein Fleischfresser war, verliert sich schnell im Nachmessen der Darmzotten und des Zungendurchmessers. Die eine Fraktion beruft sich auf die Reißzähne und die Magensäure des Menschen, um ihn den Karnivoren zuzuschlagen. Der anderen gilt als Beweis für sein natürliches Pflanzenfressertum, dass er anders als jedes karnivore Tier Fleisch im rohen Zustand nicht herunterbekommt.

Für die Frage, ob wir dürfen, was wir tun, nämlich morden, um zu essen, spielt dieser Streit um die Ernährungsgewohnheiten des Menschen in der Frühzeit keine Rolle. Denn selbst wenn der Urmensch die Tiere den Blättern vorgezogen hat oder vorziehen musste, ist dies kein Grund, ihm nachzueifern. Seit Jahrtausenden ist der Mensch damit beschäftigt, die rohen Sitten seiner Urahnen zu zähmen und zu kultivieren. Ein Vorgang, den man Zivilisation nennt und der uns immerhin schon so weit gebracht hat, Zeitung zu lesen, zum Mond zu fliegen und von der Unsitte des angeblich besonders schmackhaften Menschenfleischverzehrs abzulassen (es gibt Berichte von bekehrten Wilden, die auf dem Totenbett in Erinnerung an die Menschenfleischgenüsse ihrer Kindheit vor Sehnsucht geweint haben sollen). Warum sollten wir ausgerechnet an der Fleischtheke in der Steinzeit stehen bleiben?

Auch die Mär, dass der Mensch von Natur so eingerichtet sei, dass er sich nur mit Fleisch gesund erhalten kann noch vor wenigen Jahren häufig in seriösen Publikationen nachzulesen , ist, abgesehen von kleinen Problemen bei einer dauerhaft veganen Ernährung, reiner Unsinn. Die Ernährungswissenschaft hat inzwischen nichts mehr gegen eine völlig fleischfreie Kost einzuwenden.

Womit das Naturargument an sein verdientes Ende kommt: Tiere essen ist purer Luxus. Nichts als ein paar Sekunden Gaumenkitzel, der einen blutigen Preis hat. Doch selbst die Fleischeslust kann völlig verschwinden. Wer noch nie Fleisch gegessen hat, kennt sie nicht einmal. Sie ist offensichtlich kein dunkler, unbeherrschbarer Naturtrieb, sondern nur eine Gewohnheit unter anderen Gewohnheiten. Eine, die man in der modernen Welt mühelos in wenigen Generationen verlernen könnte.

Bleibt das Kulturargument. Es läuft, vereinfacht gesagt, darauf hinaus, dass der Mensch das Tier essen darf, weil er Verstand und das Tier keinen hat. Der Mensch kann Klavier spielen und Porsche fahren, das Schwein kann sich nur im Sand suhlen. Was also liegt da näher, als es zu essen?

Was für ein Hochmut! Ein paar minimale Unterschiede im genetischen Code sollen uns dazu berechtigen, unsere nahen Verwandten, die Kühe, Schweine, Pferde und Schafe, essen zu dürfen? Das Tier, sagt die im Christentum gepflegte Legende, könne nicht denken und habe keine Seele. Sein Mangel an Vernunft , so Kirchenvater Augustinus, bestimme es zum Schlachtvieh, die gerechte Anordnung des Schöpfers habe sein Leben und Sterben unserem Nutzen angepasst . Im Inneren der Tiere befinde sich, glaubte Descartes, nur eine Maschine , im Inneren der Menschen hingegen eine vernünftige Seele . Mit solchen und ähnlichen Phrasen geben wir uns bis heute zufrieden, wenn wir festlegen, welches Leben wertvoll und zur Erhaltung und welches wertlos und zur Vernichtung bestimmt ist.

Was die Herren offenbar nicht bedachten: Setzte man sie einsam auf einer Palme im Dschungel aus oder hieße sie, im Winter nach Afrika zu fliegen, wären sie samt ihrer vernünftigen Seele ziemlich ratlos. Denn Tiere, zumindest unsere Verwandten, die Säuge- und Wirbeltiere, sind nur anders schlau als wir. Es wäre pervers , so der Harvard-Forscher Steven Pinker, den Säugetieren das Bewusstsein abzusprechen . Auch Vögel und andere Wirbeltiere hält er für beinahe bei Bewusstsein , nur bei niederen Tieren wie Austern und Spinnen verlieren sich die Gewissheiten in den unerfindlichen Abgründen der Schöpfung.

Das Rätsel des tierischen Innenlebens werden wir, eingesperrt in die menschliche Sicht der Dinge, nie ganz lösen, auch wenn wir uns mit dressierten Affen ganz passabel in Zeichensprache unterhalten, mit Pferden flüstern und unserem Hund ohnehin jeden Wunsch von den Augen ablesen können. Tiere leben in einem anderen Universum, die Botschaften, die wir von dort erhalten, können wir nicht alle verstehen. Doch der Respekt vor der fremden Intelligenz muss heute die alte Überheblichkeit ablösen.

Was, wenn die Tiere uns für ebenso seelenlos halten wie wir sie, nur weil wir so anders sind? Und was, wenn die Evolution noch eine Ehrenrunde dreht und eine Spezies hervorbringt, die uns für zu dumm hält und deswegen einsperrt und auffrisst? Eines Tages , frohlockte der erste Tierrechtler und Philosoph Jeremy Bentham im Jahr 1789, wird man erkennen, dass die Zahl der Beine, die Behaarung der Haut und das Ende des os sacrum sämtlich unzureichende Gründe sind, ein lebendiges Wesen schutzlos den Launen eines Peinigers auszuliefern. Der Tag ist gekommen.

Heute weiß man, dass sich der Mensch entgegen den frommen Wünschen der christlichen Philosophen hinsichtlich der Erbinformation nur geringfügig von den anderen Säugetieren unterscheidet. Das Nervensystem, die Verarbeitung von Reizen, Emotionen wie Angst und Panik sowie das Empfinden von Schmerzen sind bei Mensch und Tier identisch. Das komplizierte Paarungsverhalten, das Zusammenleben in Gruppen und Familien, die Fähigkeit, vorzusorgen und zu planen, die vielfältigen wortlosen Verständigungssysteme der Tiere untereinander weisen sie als unsere nächsten Verwandten aus. Die Unterschiede, die zwischen uns und ihnen bestehen bleiben, sind nur gradueller, aber keineswegs prinzipieller Natur.

In vielem sind Tiere dem Menschen sogar weit überlegen. Der Seh-, Hör- und Tastsinn ist bei den meisten Säugetieren höher entwickelt als bei uns. Vom genialen tierischen Navigationssystem, von den Feinheiten der Brutpflege, der beneidenswerten animalischen Work-Life-Balance, der Schönheit und Eleganz der Bewegung, dem bewundernswert genügsamen Lebensstil der Tiere gar nicht erst zu reden. Kurzum: Es gibt überhaupt keinen Grund, den Menschen Leidensfähigkeit und Lebensrecht zuzusprechen und es den Tieren abzuerkennen.

Auch die sogenannte Kulturthese, nach der wir töten dürfen, weil wir so besonders klug sind, gehört also auf den Friedhof für ausgediente Ideologien. Rechtfertigen sollten sich nicht mehr diejenigen, die keine Tiere essen, sondern diejenigen, die es dennoch tun. Denn abgesehen von den kognitiven Fähigkeiten sind Tiere genauso Menschen wie Menschen umgekehrt Tiere sind. Doch während das Menschliche im Tier in seinen Angstschreien und seiner Todespanik in den Schlachthäusern nur allzu deutlich wird, hat der Mensch das Tier in sich auf seinem zivilisatorischen Siegeszug gezähmt oder ausgerottet. Furchtbares so eine der zentralen Thesen der Frankfurter Schule habe die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen, geschaffen war. Etwas von dieser Selbstverstümmelung, behauptete Max Horkheimer, werde in jeder Kindheit wiederholt. Und, genau besehen, auch bei jedem Mittagessen.

Die Verstümmelung und Herabwürdigung der Tiere zur toten Ware, und zwar ausgerechnet solcher Tiere, die uns am ähnlichsten sind (aus welchem anderen Grund sollten wir lieber Schafe und Schweine als Würmer und Käfer essen?), setzt die Gewalt gegen das Tier in uns selbst fort. Es herrscht nicht nur Krieg zwischen uns und ihnen , schreibt Jonathan Safran Foer in seinem neuen Buch, sondern zwischen uns und uns.

Wir haben das Tier in uns vergessen und vergessen das Tier, sobald es auf unserem Teller liegt. Das gehört zur Verhaltensweise der Kälte, der vielleicht zentralsten psychosozialen Technik fortgeschrittener Kulturen. Dennoch dürfte es wenige Fleischesser geben, die unbeeindruckt blieben, wenn sie sich der Unbequemlichkeit aussetzten, beispielsweise einen Film anzusehen, der ihnen zeigt, wie das Fleisch auf ihre Teller kommt (sehr häufig werden Tiere in der industriellen Schlachthausroutine nicht gründlich genug betäubt und schreiend bei lebendigem Leib gehäutet und zerstückelt). Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee erinnert in seiner bewegenden Erzählung Das Leben der Tiere an die gewaltige gemeinschaftliche Anstrengung , derer es bedarf, um unsere Herzen vor den Schlachtstätten zu verschließen .

Gleichwohl kultivieren wir inmitten dieser offensichtlichen Mitleidslosigkeit sonderbare Mitleidsnischen. Niemand möchte seinen eigenen Hund oder sein eigenes Pferd essen, obgleich Hunde und Pferde durchaus gegessen werden. Für unsere Katzen kaufen wir altersgerechtes Katzenfutter und lassen sie beim Tierarzt gegen Diabetes behandeln, während wir Kühe und Hühner, sauber in Cellophan verpackt, in der Tiefkühltruhe aufbewahren. Dabei ist die Artengrenze, die festlegt, welches Tier geliebt und welches gemordet wird, völlig willkürlich und abhängig von den Sitten und Moden.

Wenn wir die Tiere selbst töten müssten, die wir essen, würde der Fleischkonsum, der sich in den letzten 40 Jahren weltweit verdreifacht hat, vermutlich sprunghaft zurückgehen. Doch die Fleischindustrie, die uns das tote Tier, von Blut gesäubert und zur Unkenntlichkeit zerstückelt, ins Haus liefert, betäubt unsere Empathiefähigkeit. Es fällt uns schwer, uns in unsere Opfer hineinzuversetzen, sie uns als lebendige Individuen überhaupt noch vorzustellen. In diese Vorstellungslücke stoßen die Tiere als Haustiere, Filmhelden, Comic- oder Plüschfiguren.

Sie sind die einzigen Tiere, die viele Kinder neben den gebratenen Tierresten auf ihrem Teller noch kennenlernen. Doch sie sind nur Dekor, Erinnerungsstücke an die wirkliche Tierwelt, die selbst nicht mehr zu sehen ist. Der Blick zwischen Tier und Mensch , schreibt der Schriftsteller John Berger, mit dem alle Menschen noch bis vor weniger als einem Jahrhundert gelebt haben, wurde ausgelöscht.

Was folgt nun aus alldem? Für Jonathan Safran Foer folgt daraus, dass wir zumindest die industrielle Massenhaltung der Tiere unbedingt boykottieren sollten. Tiere müssen wieder artgerecht gehalten und sorgfältig, nicht am Fließband, geschlachtet werden. Und weil aber nahezu alle Tiere, die wir essen, aus Massentierhaltung stammen und in Todesfabriken geschlachtet werden, empfiehlt selbst der Wohlfühlvegetarier Foer, auf Fleisch ganz zu verzichten. Und nicht nur auf Fleisch, sondern auch auf Eier und Fisch, wenn uns das Leben der Legehennen und der sinnlose Tod unzähliger Meerestiere dauert, die für jedes Sushi-Essen als Beifang gestorben sind und wieder ins Meer geworfen werden.

Dem Mitleidsgebot du darfst die dir verwandten Tiere überhaupt nicht töten, nur weil sie dir schmecken weicht Foer aus. Er sei, schreibt er, nicht allgemein dagegen, Tiere zu essen . Das Glück der Tiere und die Qualität ihres Fleisches liegen ihm mehr am Herzen als ihr Recht auf Leben. Für ihn gibt es, was für mich undenkbar ist: ethisch unbedenkliches Fleisch .

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